Gedanken zum 14. Juli über Fouché

1929 schreibt Stefan Zweig die Biografie eines Menschen, den er verabscheut, gleichwohl psychologisch verstehen will: „Fouché, Bildnis eines politischen Menschen.“ Als Schüler habe ich mir das entsprechende Taschenbuch gekauft und gelesen – aber alles restlos vergessen. Wahrscheinlich nahmen wir im Geschichtsunterricht die Französische Revolution durch und ich wollte mehr verstehen als der Lehrer bieten konnte. Ich erinnere mich, dass ich in der 9. Klasse – seit kurzem Besitzer eines Tonbandgerätes – sogar ein Hörspiel geschrieben und produziert hatte. Allerdings über Robespierre. Nun regt mich ein Film an, das Bändchen aus dem Keller zu holen, das seltsamerweise alle Umzüge mitgemacht hat.

Hätten doch die vielen Leser seinerzeit dieses Buch nicht nur wie einen spannenden Roman verschlungen, sondern auch die antiideologische Philosophie beherzigt, die Zweig immer wieder einstreut. Mir haben seine Gedanken jedenfalls 1968 geholfen, nicht selbst Ideologen au den Leim zu gehen. Die brutal-autoritär eine antiautoritäre Revolte bewerkstelligen wollten.

Zweig beschreibt Fouché als eine „Charaktermaske“, die vor allem Lust an der Macht hat, unter welchem Regime mit welcher Ideologie auch immer. Das nennt Stefan Zweig seltsamerweise und mit Widerwillen „politisch“. Darüber kann man streiten. Sein Ideal ist die individuelle Persönlichkeit, die sich eben nicht von der Masse mitreißen lässt.

Am 31. Mai 1759 wird Joseph Fouché – noch lange nicht Herzog von Otranto! – in der Hafenstadt Nantes geboren. Was soll erwerden in einem System, das Bürgersöhnen nur untergeordnete Stellungen ermöglicht. „Bleibt nur die Kirche. Diese tausend Jahre alte, an Weltwissen den Dynastieen unendlich überlegene Großmacht denkt klüger, demokratischer und weitherziger. Sie findet immer Platz für jeden Begabten und nimmt auch den Niedrigsten in ihr unsichtbares Reich. .. Er könnte höher gelangen, Pater werden, vielleicht einmal gar Bischof oder Eminenz, wenn er das Priestergelübde leistete. Aber typisch für Joseph Fouché: schon auf der ersten, der untersten Stufe seiner Karriere tritt ein charakteristischer Zug seines Wesens zutage, seine Abneigung, sich vollkommen, sich unwiderruflich zu binden an irgend jemand oder irgend etwas. Er trägt geistliche Kleidung und Tonsur, er teilt das mönchische Leben der andern geistlichen Väter, er unterscheidet sich während jener zehn Oratorianerjahre äußerlich und innerlich in nichts von einem Priester. Aber er nimmt nicht die höheren Weihen, er leistet kein Gelübde. Wie immer, in jeder Situation, hält er sich den Rückzug offen, die Möglichkeit der Wandlung und Veränderung. Auch an die Kirche gibt er sich nur zeitweilig und nicht ganz, ebensowenig wie später an die Revolution, das Direktorium, das Konsulat, das Kaisertum oder Königreich: nicht einmal Gott, geschweige denn einem Menschen verpflichtet sich Joseph Fouché, jemals zeitlebens treu zu sein.“

Kein Zufall vielleicht, dass alle die drei großen Diplomaten der Französischen Revolution, dass Talleyrand, Sieyès und Fouché aus der Schule der Kirche kamen, schon längst Meister der Menschenkunst, ehe sie noch die Tribüne betraten. Die uralte, gemeinsame, weit über sie hinausreichende Tradition prägt ihren sonst gegensätzlichen Charakteren in den entscheidenden Minuten eine gewisse Ähnlichkeit auf. Dazu kommt bei Fouché noch eine eiserne, gleichsam spartanische Selbstzucht, ein innerer Widerstand gegen Luxus und Prunk, ein Verbergenkönnen privaten Lebens und persönlichen Gefühls.“

Atemberaubend ist es zu verfolgen, wie dieser Mann alle Eskapaden der Revolution überlebt: Jakobiner und „Schlächter von Lyon“, Kollege und dann Todfeind Robespierres, dem er mit der Guillotine zuvorkommt.

Als unbeschränkter Diktator der Verwaltung reißt er alle kirchlichen Befugnisse an sich. Er hebt das Zölibat auf, gebietet den Priestern, innerhalb eines Monates zu heiraten oder ein Kind zu adoptieren, er schließt Ehen und scheidet sie auf offenem Markte, er steigt auf die Kanzel (von der sorgfältig alle Kreuze und religiösen Bildnisse entfernt wurden) und hält atheistische Predigten, in denen er die Unsterblichkeit und das Dasein Gottes leugnet. In Moulins reitet er an der Spitze eines Zuges durch die ganze Stadt, einen Hammer in der Faust, und zerschlägt die Kreuze, Kruzifixe und Heiligenbilder, die »schändlichen« Wahrzeichen des Fanatismus. Die geraubten Priestermitren und Altardecken werden zu einem Brandstoß aufgeschichtet, und während die Flammen grell emporschlagen, umtanzt der Pöbel jubelnd dieses atheistische Autodafé. Stolz kann er sich gegen seinen schwächlicheren Atheistenkollegen rühmen, er habe den Fanatismus zerschmettert, das Christentum in dem ihm unterstellten Gebiet so ausgerottet wie den Reichtum. Als Polizeiminister Napoleons baut er eine Staatssicherheit auf und bespitzelt nicht nur „unten“, sondern auch „die da oben“. Der Kaiser soll ihn gefürchtet haben. Als der fällt, bringt es Fouché zum Regierungschef und unter dem wieder eingesetzten König gar wieder zum Ministeramt. Zwischendurch gleicht seine Karriere einer Achterbahnfahrt und am Ende von allen verlassen kehrt er zum Sterben in den Schoß der Kirche zurück.

Wie schafft er das? Zweig: „Die Nerven beherrschen ihn nicht, die Sinne verführen ihn nicht, alle seine Leidenschaft lädt und entspannt sich hinter der undurchdringlichen Wand seiner Stirn. Er lässt seine Kräfte spielen und lauert dabei wach auf die Fehler der andern; er lässt die Leidenschaft der andern sich verbrauchen und wartet geduldig, bis sie sich verbraucht haben oder in ihrer Unbeherrschtheit eine Blöße geben: dann erst stößt er unerbittlich zu. Furchtbar ist diese Überlegenheit seiner nervenlosen Geduld: wer so warten kann und so sich verbergen, der kann auch den Geübtesten täuschen. Ruhig wird Fouché dienen, er wird, ohne mit der Wimper zu zucken, die gröbsten Beleidigungen, die schmachvollsten Erniedrigungen kühl lächelnd einstecken, keine Drohung, keine Wut wird diesen Fischblütigen erschüttern. Robespierre und Napoleon, beide zerschellen sie an dieser steinernen Ruhe wie Wasser am Fels: drei Generationen, ein ganzes Geschlecht stürmt und verebbt in Leidenschaft, indes er kalt und stolz beharrt, der einzige Leidenschaftslose. Diese Kälte also des Blutes bedeutet Fouchés eigentliches Genie. Sein Körper hemmt ihn nicht und reißt ihn nicht mit, er ist gleichsam nicht dabei in all diesen verwegenen Geistspielen. Sein Blut, seine Sinne, seine Seele, all diese verwirrenden Gefühlselemente eines wirklichen Menschen tun nie wirklich mit bei diesem heimlichen Hasardeur, dessen ganze Leidenschaft hinaufgeschoben ist ins Gehirn. Denn dieser trockene Schreibstubenmensch liebt lasterhaft das Abenteuer, und seine Passion ist die Intrige.“

Was die einstigen Parteifreunde von ihm meinen und reden, was die Menge, die Öffentlichkeit denkt, lässt ihn vollständig kalt. Wichtig bleibt ihm nur eins, immer beim Sieger, niemals bei den Besiegten zu sein. In der Blitzartigkeit dieser Umkehr, im maßlosen Zynismus seiner Charakterumstellung bewährt er ein Maß Frechheit, das unwillkürlich betäubt und zur Bewunderung zwingt. Ihm genügen vierundzwanzig Stunden, oft nur eine Stunde, oft nur eine Minute, um blank die Fahne seiner Überzeugung wegzuwerfen und eine andere rauschend zu entrollen. Er geht nicht mit einer Idee, sondern geht mit der Zeit, und je rascher sie rennt, desto geschwinder wird er ihr nachlaufen.“

Dass er bald selber Multimillionär wird und in den Adel aufsteigt, gehört dazu.

Stefan Zweig mahnt die Politiker zur Mäßigung. „Die Schuld der französischen Revolutionäre ist also nicht, sich am Blute berauscht zu haben, sondern an blutigen Worten: sie haben die Torheit begangen, einzig, um das Volk zu begeistern und ihren eigenen Radikalismus sich selbst zu bescheinigen, einen bluttriefenden Jargon geschaffen und ununterbrochen von Verrätern und vom Schafott phantasiert zu haben. Aber dann, als das Volk, berauscht, besoffen, besessen von diesen wüsten, aufreizenden Worten, die ihnen als notwendig angekündigten »energischen Maßregeln« wirklich fordert, da fehlt den Führern der Mut, zu widerstreben: sie müssen guillotinieren, um ihr Gerede von der Guillotine nicht Lügen zu strafen. Ihre Handlungen müssen zwanghaft ihren tollwütigen Worten nachrennen, und ein grauenhafter Wettlauf beginnt, weil keiner wagt, hinter dem anderen in dieser Jagd um die Volksgunst zurückzubleiben.“

Ich finde, dieses Werk ist aktuell wie eh und je. Mag sein, dass heutige Literaturkritik sich daran stört, dass es spannend und überaus lesbar geschrieben ist. Vielleicht sehen Historiker einige Details anders. Bleibt die Frage: Warum verfilmt keiner das Leben dieses Charakterchamäleons?

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