Nach der Morgenröte

Mit gemischten Gefühlen verlassen wir das Kino nach dem Film „Vor der Morgenröte, Stefan Zweig in Amerika“. Die letzte Szene wirkt nach: Da liegen Stefan Zweig und seine Frau Charlotte tot in ihrem Bett in Petrópolis, und die Kamera zeigt aus der Perspektive der beiden, wie die Leute im Schlafzimmer auf den Selbstmord des Ehepaars reagieren. Es gibt Tränen, Flüstern, ratloses Schweigen und hektische Aktivität, und zugleich liegt eine tiefe Vergeblichkeit über dem Geschehen. Sein Freund und Kollege Ernst Feder verliest die letzte Erklärung, in der es heißt: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht!“  Dieser Doppel-Suizid wirft bis heute Fragen auf. Wie kann ein Pazifist zu dieser Gewalt gegen sich kommen? Warum musste seine weit jüngere Frau mit ihm gehen? War er einfach erschöpft oder angesichts der Entwicklung des Krieges verzweifelt? Im Februar 1942 standen die deutschen Truppen in Libyen mit Ziel Suez-Kanal, die japanischen hatten Singapur erobert. Der Film lässt die Fragen offen, nachdem er die schwierige Lage der deutschen Emigranten in Amerika ausführlich gezeigt hatte. Stefan Zweig ging es äußerlich eigentlich gut. Seine international erfolgreichen Bücher sicherten ihm ein Einkommen, vielen weit ärmeren Flüchtlingen konnte er helfen. Brasilien war nicht gefährdet.

Leider wird die „Schachnovelle“, die er kurz vorher abgeschlossen hatte, im Film nur kurz erwähnt. Ich denke, sie enthält viele autobiografische Züge. Kurioserweise ließ er nur 250 Exemplare drucken, weil er die Arbeit für abseitig hielt und „zu abstrakt für das große Publikum“. In diesem Bestseller schildert er eine psychologische Foltermethode, die erst später von der CIA angewendet wurde: die totale Isolierung, die einen Menschen in den Wahnsinn treiben kann. Offenbar empfand sich Zweig in einer ähnlichen Situation. Vielleicht hatte er auch Trost gesucht in der Lektüre der Essais Montaignes, der den Freitod verherrlicht. Schon früher hatte er sich immer wieder in seinen Erzählungen mit dem Suizid beschäftigt. Zeitlebens litt er selber unter endogenen Depressionen. Wahrscheinlich hat Hartmut Müller recht:„Seine Religion war der Glaube an den Menschen. Als das Traumschloß des humanen Optimismus in Trümmern lag, flüchtete Stefan Zweig in sein letztes Refugium, in den Tod.“ (Stefan Zweig, rm 413 S.132.)

Der Film „Vor der Morgenröte“ beginnt mit einem Empfang in Rio de Janeiro und einer Schriftstellerkonferenz in Buenos Aires im September 1936. Zweig erläutert seinen Pazifismus, dem er sich nach einer kurzen nationalistischen Begeisterung im Ersten Weltkrieg  verschieben hatte. Diese Haltung isoliert ihn von den politisch engagierten Schriftstellern.

Der FAZ-Kritiker meint: „Von Buenos Aires springt der Film fünf Jahre weiter nach Bahia, dann nach New York und schließlich nach Petrópolis, und jedes Mal herrscht die gleiche lähmende Mischung aus Dokufiction und Kostümtheater. Die Kapelle, die in der Hitze der Zuckerrohrfelder den Donauwalzer intoniert, ist eine schöne Pointe, aber sie verzischt ohne Nachhall.“ Insgesamt wird furchtbar viel geredet.

Der Film hat mich angeregt, noch einmal einige seiner Werke  und die Biografie von Oliver Matuschek zu lesen. Gerade angesichts der gegenwärtigen Europa-Krise hat dieser im besten Sinn altmodische Autor uns einiges zu sagen. Das kommt im Film zu wenig ins Bild.

 

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