Orthodoxes Trauerspiel

Seit langer Zeit gehe ich wieder einmal zum Stuttgarter Oberkirchenrat. Der Arbeitskreis Orthodoxie tagt. Es ist nett, dass wir „Pfarrrentner“ auch eingeladen sind. Allerdings würde dem Kreis eine jugendliche Auffrischung nicht schaden. Die Debatte über das Selbstverständnis zeigt mir, dass man sich immer noch nicht klar über die Ziele ist. Beratung der Kirchenleitung? Will die das überhaupt? Ich schätze den Austausch mit orthodoxen Gästen. Ein junger russischer Priester spricht über das Gebet, ein serbischer stellt seine Kirche vor. Ebenfalls wertvoll sind die Kontakte mit osteuropäischen Stipendiaten. Ansonsten besteht der Kreis aus Individualisten, die alle sehr unterschiedliche biografisch bedingte Zugänge zur Orthodoxie haben. Manche haben berufliche Kontakte, andere haben in orthodoxen Fakultäten studiert.

Heute hat der ehemalige Nahostreferent und Griechenland-Kenner Ulrich Kadelbach seinen Auftritt. Er hat die „panorthodoxe Synode“ beobachtet, die jüngst in Kreta zu Ende ging. Natürlich kam er als „Ketzer“ nicht zu den internen Beratungen, aber am Rande kann man ja auch allerlei aufschnappen und vor allem fotografieren.

Dieses Konzil war jahrelang  – eigentlich jahrhundertelang! (Es würde die Reihe der von der Orthodoxie anerkannten sieben Ökumenischen Konzilien zwischen 325 und 787 fortsetzen.) – vorbereitet worden, litt aber vor allem unter der Absage u.a. der russischen Kirche. Deswegen werden die verabschiedeten Dokumente wohl auch nicht offiziell anerkannt.  Themen wie Die moderne Welt aus der Sicht der Orthodoxen Kirche wären nicht unwichtig, wenn auch aus protestantischer Sicht wenig aufregend. Das Dokument „Die Mission der Orthodoxen Kirche in der modernen Welt“ dient als Konzilsvorlage zur Beschreibung des Verhältnisses der Kirche zur heutigen Welt. In ihm spiegeln sich verschiedene einflussreiche orthodoxe Denkströmungen im 20. Jahrhundert wider. Bei der Endredaktion hat das Dokument in den letzten beiden Jahren eine Akzentverschiebung weg  von einem liberaleren Freiheitsverständnis erfahren. Entsprechend kritisch fallen die Kommentare westlicher Journalisten aus.Erstaunlich allerdings die positive Einschätzung der Ökumene. In manchen orthodoxen Kreisen ist das ein Schimpfwort.

Mir geht es in der Beschäftigung mit der Orthodoxie immer gleich: Fasziniert von der Schönheit der Ikonen und der Liturgie nehme ich gern an Gottesdiensten teil. Ich bewundere manche Aspekte der Spiritualität. Theologisch kann ich aber nur den Kopf schütteln, wenn man heutige Probleme mit Zitaten der Kirchenväter lösen will. Frustriert bin ich von der politischen Machtpolitik, die mich kalt lassen könnte, wenn sie nicht die gesamte Christenheit diskreditieren würde. Unter ihr leiden allerdings die orthodoxen Menschen,  mit denen ich befreundet bin, am meisten.

Ich beneide unsere Kirchenleitungen und Orthodoxie-Fachleute nicht um ihre oft schwierigen diplomatischen Aufgaben. Ich bin froh, dass ich dazu nicht mehr gezwungen bin. „Dieses Konzil ist ein Trauerspiel“, meint jemand. Wer will da widersprechen?

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s