Zinzendorf in Tübingen

Lieber hätte ich über “Zinzendorf und Europa” gesprochen, denn dieser originelle Theologe hatte dazu ein paar kreative Ideen. Doch der ehemalige Stiftskirchenmesner hatte mich eingeladen zum Thema „Zinzendorf und Tübingen“, weil der Herrnhuter 1734 einen bemerkenswerten Auftritt in seiner Kirche hatte.

Der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine sollte als Mitglied des Hochadels kein geistliches Amt übernehmen. Der Reichsgraf, ein studierter Jurist, wollte aber nicht nur in Konventikeln predigen, sondern suchte die offizielle Anerkennung seiner aus mährischen Flüchtlingen und seltsamen Querdenkern zusammengewürfelten Gemeinde. So legte er zunächst im (damals schwedischen) Stralsund ein „Rechtgläubigkeits-Examen“ ab und suchte dann eine Art Ordination. Mitglieder seiner Gemeinde hatten schon Tübinger Studenten angesprochen. Umgekehrt wirkten schwäbische Theologen wie Oetinger in Herrnhut. Nach seiner Ausweisung aus Sachsen reiste er 1733 durch Württemberg, knüpfte Kontakte zu führenden Pietisten wie Johann Albrecht Bengel und Tübinger Professoren. Diese verfassten ein positives theologisches Gutachten „Bedenken“ und wollten ihn gar zum Doktor der Theologie promovieren. Zinzendorf lehnte das ab, nahm aber eine Art Appobation an. So bestieg er also am 4. Advent 1734 die Kanzel der Tübinger Stiftskirche, eine große Show für die ganze Stadt:  „Er war in schwarzem Samt gekleidet, hatte einen langen Mantel an, unter demselben das kleine Ordensband und den Stern auf der Brust. Er redete aus der Fülle seines Herzens. Aus der Kirche ging sein Heiduck (Diener)  mit ihm.“ Er predigte noch in der Spitalkirche und reiste dann schnell wieder ab, nannte sich seitdem aber gern einen württembergischen Theologen. Man kann ihn im weiteren Sinn zu den Pietisten zählen. Als er einmal gefragt wurde, was seine Leute von den Schwaben unterscheide, soll er gesagt haben: „Wo die Württemberger  hinken, da tanzen wir Herrnhuter.“ In der Tat zeichnen Fröhlichkeit und Gesang die Gemeinden der Brüder-Unität aus.

Auf einer seiner zahlreichen Reisen kam er 1740 von Philadelphia in Nordamerika über Frankreich für 14 Tage nach Tübingen und predigte über die „Verklärung Christi“. Ein schwedischer Student berichtet: „Die Kirche war bei dieser Gelegenheit ganz gestopft voll von Menschen…Obwohl der Graf über zwei volle Stunden lang predigte, schien es sämtlichen Zuhörern dessen ungeachtet so, als ob die Predigt wegen ihrer gefälligen Form nur kaum eine halbe Stunde gedauert hätte.“

Bei meiner Vorbereitung staune ich einmal mehr über den weiten Horizont, in dem Graf Zinzendorf wirkt. Seine Handwerker-Gemeinde hatte nicht nur die „Äußere Mission“ (Karibik, Indianer, Grönland, Südafrika, Surinam etc.) für die evangelische Christenheit wieder begründet, die heute in Afrika verblüffendes Wachstum verzeichnen kann.  Ihm lag auch die „Innere Mission“ (Diasporaarbeit in London, Amsterdam etc.) in Europa am Herzen, wobei ihn Klassen- und Milieuschranken nicht irritierten. Wenn er in einer Räuberhöhle übernachten musste, nutzte er die Gelegenheit, um auch den Ganoven Christus zu bezeugen. Wenn das Geld für die Kutsche nicht mehr reichte, ging er zu Fuß weiter und nutzte die Wanderung für Gespräche mit Leidensgenossen oder innere Gespräche mit seinem Heiland.

Bis heute ist die „Brüder-Unität“ eine weltweite Kirche, die lediglich in „Provinzen“ organisiert ist. Die vielen Fragen dazu in der Diskussion zeigen mir allerdings, dass die Herrnhuter ihre Öffentlichkeitsarbeit noch verstärken sollten.

Näheres unter http://www.ebu.de/startseite/

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