Athos – im Film

Als Schüler las ich mit Begeisterung Erhart Kästners „Die Stundentrommel vom heiligen Berg Athos“ (1956). Die Literaturkritik hat das Buch – mit der für Kästner typischen Mischung von Reiseerlebnissen und Reflexionen – als sein gelungenstes Werk bezeichnet. Kästner war 1953 und 1954 zweimal in die tausendjährige unberührte Mönchsrepublik gereist. (Seine andern Griechenlandkenntnisse gehen allerdings auf seinen Einsatz als Wehrmachtspropagandist zurück.) „So gehe ich immerfort über die Klosterhöfe des Athos, uralte Steinplatten, klick-klack … So wandere ich in Nächten, träumend und halbträumend, über die uralten Pflaster-Wege, über Ölberge, durch Strauch-Wälder von Edelkastanien. Gehe über den Höhenrücken der Halbinsel, ihr Rückgrat. In der Tiefe Meeresbuchten, weiße Strandsäume, Glitzerstraßen von Mondlicht. Tiefe Stille. Grillengezirp, dieser geniale Einfall der Stille, sich hörbar zu machen …“

Mit dieser Erinnerung war ich besonders gespannt auf den neuen Film „Athos –Im Jenseits dieser Welt“ – und wurde nicht enttäuscht. Wunderschöne Landschaftsaufnahmen wechseln sich mit intensiven Eindrücken der Liturgie der Mönche und ihren Einsichten ab. (Wobei ich ihren Gesang nicht besonders erhebend fand.)

Mit Hilfe dreier Athos-Mönche entstand ein noch nie erzähltes Filmtagebuch. Leitmotiv ist der Weg, den wir Menschen finden und gehen müssen – jeder für sich. „Erst müssen wir unsere eigenen Seelen heilen, dann können wir anderen helfen“, ist eine der Kernbotschaften von Galaktion, einem Einsiedler am Heiligen Berg. Doch nicht alle Mönche leben wie er, zurückgezogen und demütig. So öffnet unter anderem auch Epiphanios dem Filmteam seine Türen, der als begnadeter und poetischer Koch den Genüssen des Lebens keinesfalls abgeneigt ist.  Vgl. http://athos-derfilm.de/index.html.

Der Film ist allerdings mehr eine Meditation als eine Dokumentation. Man erfährt wenig über Fakten. Das Territorium misst 43 Kilometer von Nordwest nach Südost und umfasst rund 336 km²; es zählt 2262 (mönchische) Einwohner zuzüglich Verwaltungsangestellten, Polizisten, Geschäftsbesitzern und einer saisonal wechselnden Zahl von zivilen Arbeitern.

Der Heilige Berg Athos ist eine orthodoxe Mönchsrepublik mit autonomem Status unter griechischer Souveränität in Griechenland. Es hätte mich interessiert wie das funktioniert. Erinnere ich  mich doch an knallharte Konflikte aus früheren Zeiten.

Das erste Kloster, die Große Lavra, wurde 963 gegründet. Bis zu diesem Zeitpunkt siedelten auf dem Athos bereits Mönche, die sich an den Vorbildern der asketischen Mönche im Alten Ägypten orientierten. Heute gibt es zwanzig Großklöster, davon sind siebzehn griechisch, eines serbisch, eines bulgarisch und eines russisch. Der Film zeigt nur die Griechen.

Außerdem siedeln an den schwer zugänglichen Hängen des eigentlichen Berges Athos Mönche in Eremitagen, zumeist Kleinstbauten und Höhlen.

Kaum gezeigt werden die Malerwerkstätten des Athos, deren große Tradition der Ikonenmalerei bis ins Hochmittelalter zurückreicht.

Miterleben kann man hingegen im Film die Mühsal des Alltags und der Fortbewegung, die lange nur mit Maultieren möglich war. Im Jahr 1963 wurde zur 1000-Jahr-Feier die erste Schotterstraße zwischen Dafni, dem Hafen von Athos und der Hauptstadt Karyes gebaut. Inzwischen sind alle zwanzig Klöster des Athos an das Straßennetz angeschlossen und werden regelmäßig von Geländewagen oder Bussen angefahren. Die Halbinsel ist nicht für Touristen, jedoch für wenige männliche Pilger zugänglich.

„Die Athoniten verwehren den Frauen den Zutritt zum Heiligen Berg, weil sie die Frauen wahrhaft lieben. Alle Frauen sind auf dem Athos abwesend, und doch wieder, durch die Gottesmutter, Maria, sind alle anwesend“, sagt ein Pater Mitrophan. Na ja! Das darf man als Lutheraner wohl kritisch sehen. Selbst weibliche Haustiere, außer Katzen,  sind angeblich von dem Verbot betroffen.

Viele Fragen bleiben im Film (und wohl auch in der Realität) offen. Ich kann die Weltflucht des Einzelnen, vor allem auf Zeit,  akzeptieren. Nicht zustimmen kann ich einer Theologie, die „die Welt“ von vornherein als Gegensatz zu „Gott“ versteht. Kann ich nicht Gott gerade darin lieben, dass ich die Welt liebe und mich für ihre positive Entwicklung einsetze? Jesus, Paulus und die ersten Apostel waren jedenfalls keine Mönche. Der eingangs erwähnte Kästner berichtet sogar von einer im Athos beliebten christlichen Erzählung, die unwissentlich aber eindeutig aus dem Buddhismus übernommen ist. Ich vermute, der ganze Ursprung des Mönchtums liegt dort.

 

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