Brexit

Der britische Soziologe Colin Crouch diagnostizierte unter dem Stichwort „Postdemokratie“ schon vor zwanzig  Jahren eine Aushöhlung der Demokratie – zugunsten einflussreicher Wirtschaftsführer. Vor etwa 400 Zuhörern im Audimax der Uni Tübingen sprach er am 21. Juni auch über Brexit- Hintergründe.

Da war doch etwas? Richtig! Wir haben seinerzeit in einer Mitarbeiterklausur der Evangelischen Akademie Bad Boll über sein Buch “Postdemokratie“ (Suhrkamp Verlag 2008) diskutiert. Es ist leider etwas in Vergessenheit geraten, dass diese Akademie gegründet wurde, um einen Beitrag der Evangelischen Kirche zur Demokratisierung Deutschlands zu leisten. Angesichts heutiger Politikmüdigkeit in Kirche und Gesellschaft allgemein möchte ich an sein Fazit erinnern: 1. In den neuen sozialen Bewegungen und Medien liegt ein Potential für eine Vitalisierung der Demokratie. 2. Wir sollten den Einfluss der Lobbys etablierter und neuer Bewegungen nutzen, „da postdemokratische Politik nun einmal über Lobbys funktioniert. Auch wenn es immer schwierig sein wird, egalitaristische  Anliegen gegen die mächtigen Interessen der Wirtschaft durchzusetzen.“ 3. “ Wir müssen – kritisch und keinesfalls bedingungslos – weiterhin auf die Parteien setzen, da keine ihrer postdemokratischen Alternativen ein vergleichbar großes Potential bietet, das Ziel der politischen und sozialen Gleichheit durchzusetzen.“ S.156

Natürlich wurde er bei der Tübinger Veranstaltung auch zur Brexit-Abstimmung gefragt. Seine Antwort: „Wenn eine mittlere europäische Macht glaubt, sie könne für sich bestehen aufgrund der imperialen Vergangenheit, dann ist das romantisch.“

Auf der andern Seite muss man die Gleichsetzung von EU und Europa bestreiten. Als Ehemann einer Schweizerin ärgert mich das schon lange. Die Schweiz hat übrigens weitgehend unkommentiert erst vor kurzer Zeit ihren (ruhenden) EU-Mitgliedsantrag zurückgezogen. Keiner der Brüsseler Bürokraten hat das kommentiert. Denn denen geht es allen schönen Reden zum Trotz weniger um „gemeinsame Werte“, sondern um wirtschaftliche Macht.

Eine Ursache für wachsende und für die Demokratie gefährliche Ungleichheit sieht Colin Crouch als Folge der Änderungen der Steuersysteme zugunsten der Reichen. Es ist ein schlechter Witz, wenn Nationalisten diese Entwicklung ausnutzen, um weitere Deregulierungen zu fordern.

Und die Kirchen? Die einen sehnen sich nach dem angeblich christlichen Abendland, andere sind selber Nationalisten und nur wenige bauen an einer ökumenischen Zukunft. Vielleicht ist die Idee eines Europäischen Kirchentags ein Lichtblick. Vielleicht können wir an die großen Ökumenischen Versammlungen früherer Zeiten anknüpfen.

Der Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), Christopher Hill, hat die Entscheidung der Briten für einen EU-Austritt ihres Landes tjedenfalls bedauert. Der Brite Hill erklärte laut einer Mitteilung der KEK in Brüssel, er bkritisiere zudem die Art und Weise, wie die „Brexit“-Kampagne geführt worden sei. Hill, ein Geistlicher der Kirche von England, beklagte, dass die Kampagne der EU-Gegner zuweilen hysterische Züge angenommen habe.

So seien beim Thema Migration die Fakten oft ausgeblendet worden. Die Konferenz Europäischer Kirchen werde weiter das Forum sein, in dem sich die britischen Christen einbringen können.

 

 

 

 

 

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