Naziverbrechen ohne Strafe

Der Roman „Der Fall Collini“ von Ferdinand von Schirach, im Hauptberuf Strafverteidiger,  ist fünf Jahre alt. Ich lese ihn nur, weil meine Frau mich um meine Meinung bittet. Ihr hat er nicht gefallen. Ich aber bin fasziniert. Ich lese ihn in einem Rutsch. Worum es geht laut Klappentext:

„Vierunddreißig Jahre hat der Italiener Fabrizio Collini als Werkzeugmacher bei Mercedes-Benz gearbeitet. Unauffällig und unbescholten. Und dann ermordet er in einem Berliner Luxushotel einen alten Mann. Grundlos, wie es scheint. Der junge Anwalt Caspar Leinen bekommt die Pflichtverteidigung in diesem Fall zugewiesen. Was für ihn zunächst wie eine vielversprechende Karrierechance aussieht, wird zu einem Alptraum, als er erfährt, wer das Mordopfer ist: Der Tote, ein angesehener deutscher Industrieller, ist der Großvater seines besten Freundes. In Leinens Erinnerung ein freundlicher, warmherziger Mensch. Wieder und wieder versucht er die Tat zu verstehen. Vergeblich, denn Collini gesteht zwar den Mord, aber zu seinem Motiv schweigt er. Und so muss Leinen einen Mann verteidigen, der nicht verteidigt werden will.“

Aus dem „Fall Collini“ wird im Krimi-mäßig erzählten Prozess ein „Fall Meyer“, so heißt das Mordopfer. Es stellt sich heraus, dass dieser als SS-Mann in Italien den Vater Collini als Geisel erschossen hat. Parallel zum Prozess läuft wie in einem Film die Geschichte der Partisanenbekämpfung im Zweiten Weltkrieg.  Und man fragt sich, warum diese Kriegsverbrecher in Deutschland nie verurteilt wurden. Und nun wird das Ganze zum „Fall Dreher“. Dreher Who? Nie gehört.

Im Zentrum steht ein Bundesgesetz von 1969, mit dem es dem Juristen Ernst Dreher, einem früheren NS-Richter, gelang, sämtliche Nazi-Verbrechen verjähren zu lassen, indem sie als Mittäter eingestuft werden konnten. Ein schlechter Witz: Auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte amnestierte der Bundestag Nazi-Verbrecher! Und zunächst hat es keiner gemerkt.

von Schirach in einem Interview der ZEIT: „Historiker nennen das die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen… Es wurden ja zur gleichen Zeit die bis dahin umfangreichsten Ermittlungen gegen die Täter des »Dritten Reiches« geführt, das Verfahren gegen das Reichssicherheitshauptamt. Elf Staatsanwälte, 150.000 Aktenordner, ein Riesenverfahren, und draußen die Studentenproteste. Und was geschieht im Justizministerium? Da schreibt der Leiter der Strafrechtsabteilung Eduard Dreher ein Gesetz mit dem harmlosen Namen Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz, kurz EGOWiG. Im Bundestag kapiert das niemand, es wird darüber nicht einmal debattiert. Damit konnte das Reichssicherheitshauptamtverfahren eingestellt werden… Zunächst muss man wissen: Die Rechtsprechung der Bundesrepublik folgt nach 1945 absurderweise dem Führerprinzip. Nur die höchste Führung der Nazis wie Hitler, Göring oder Himmler wurden als Mörder angesehen, alle anderen als Gehilfen. Das allein ist schon eine Konstruktion am Rande des Wahnsinns. Mit dem Dreher-Gesetz aber wurde festgelegt, dass bestimmte Mordgehilfen nur wie Totschläger und nicht wie Mörder zu bestrafen sind. Und das hieß, dass ihre Taten mit einem Schlag verjährt waren. … Wenn eine Straftat einmal verjährt ist, kann das im Grunde nie wieder rückgängig gemacht werden.“

Der Roman liest sich flott, auch wenn die Sprache manchmal künstlich an Hemingway erinnert, der auch den Leitspruch geliefert hat: „Wir sind wohl alle für das geschaffen, was wir tun.“

Mich wundert, dass das Buch noch nicht verfilmt worden ist. Es schreit geradezu danach.

 

 

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