Fahnen im Fußball

Hin und wieder schaue ich mir im Fernsehen gern ein Fußballspiel an. Manchmal stelle ich den Ton ab, wenn mir der Kommentator auf die Nerven geht. Das stundenlange Geschwätz vor- und nachher lasse ich aus. Die Ausweitung der „Berichterstattung“ – in Wirklichkeit ist es Unterhaltung für Arbeitslose – sehe ich kritisch. Zum Glück gibt es notfalls andere Sender. Dass allerdings in den einst seriösen Nachrichten ich mir Bilder vom Training anschauen soll, ist – besonders im ZDF-„Heute“-  eine Zumutung. „Fan-Artikel“ kaufe ich nicht, mein Haus schmückt keine Fahne. Ich beobachte, dass uns aber zunehmend „schwarz-rot-gold“ umgibt. Meinetwegen. „Brot und Spiele“ boten schon die alten Römer, um das Volk ruhig zu halten.

Meine Generation hat wenig Lust auf Fahnen. Bei Fahrten zu meiner Schwiegerfamilie in die Schweiz amüsierte ich mich über die Schweizer Fahnen in vielen Vorgärten. Ist halt ein kleines Land. Als wir in Afrika arbeiteten, schmückte mein dänischer Nachbar Auto, Wohnung und Geburtstagskuchen mit seinen Landesfähnchen. Ist auch ein kleines Land.  Wir haben gelacht. Irgendwann fragten mich meine Kinder, warum wir keine haben. In meiner Erinnerung verstärkte sich die Frage vor zehn  Jahren bei der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Da wollte man ja nun nicht nur türkische Fahnen sehen.

Jetzt hat die „Grüne Jugend“ sich Ärger eingehandelt. Sie schreiben: „Ja, wir sind keine PatriotInnen. Uns sind andere Dinge einfach wichtiger als Deutschland: Individuelle Freiheiten, soziale Rechte oder die Frage, ob auch die nachfolgenden Generationen noch auf diesem Planeten leben können…“
Sie bemühen die Wissenschaft: „Der Bielefelder Soziologe Heitmeyer hat vor und nach der Weltmeisterschaft  in Deutschland im Jahre 2006 Menschen befragt und festgestellt, dass Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit während der Weltmeisterschaft angestiegen waren.“
Sie weisen auf die deutsche Geschichte hin: „Diese Verbindung ist nichts neues. Schon im 19. Jahrhundert war der deutsche Nationalismus kriegerisch, antisemitisch und sexistisch. Von Turnvater Jahn, 1848 Abgeordneter in der Paulskirche, nach dem in jeder deutschen Stadt die Straße neben der Turnhalle benannt ist, ist überliefert, dass er gesagt hat: “Franzosen, Polen, Junker, Pfaffen und Juden sind Deutschlands Unglück.” – Einen Satz, in dem für den heutigen Leser klar schon Verdun und Auschwitz mitschwingen. Die beiden Weltkriege, der Nationalsozialismus, die Shoah und die Kontinuitäten zwischen NS-Regime und BRD sind so gesehen keine Ausnahme, sondern ein Teil des Ganzen.
Unser Anti-Patriotismus besteht in vollem Bewusstsein der Geschichte der Schwarz-Rot-Goldenen Flagge. Uns ist dabei auch bewusst, dass sie im Dritten Reich verboten war. Wir verweigern uns dieser nationalen Symbolik, weil wir uns jeglicher nationalen Symbolik verweigern. Wir wollen das Konzept des Nationalstaats überwinden. Das heißt: Wir lehnen es auch ab, türkische oder polnische oder irgendwelche anderen PatriotInnen zu sein und wir fühlen uns wohl mit FreundInnen aus allen Ländern, die auch keine PatriotInnen sind, weil ihnen andere Dinge viel wichtiger sind.“

Ich möchte daran erinnern, dass das Christentum keine Stammesreligion ist. Auch keine Nationalreligion, obwohl die Organisation in Landeskirchen diesen Eindruck erwecken könnte. Dennoch glaube ich, dass Christen zunächst ihr eigenes Land als Arbeitsplatz haben. Nur zuhause kann man einem das Mitbestimmungsrecht nicht verweigern. Im Ausland hat man immer einen Gaststatus. „Denke global und handle lokal“ ist eine gute ökumenische Devise. Ich misstraue Christen, die auf allen internationalen Konferenzen herumturnen, aber sich in der eigenen Gemeinde nicht blicken lassen. Man kann sein Land lieben und Patriot sein ohne andere abzuwerten. Nationalisten allerdings hassen alle andern. Nationalismus ist eine antichristliche Religion selbst wenn er leider oft genug in Kirchen  zuhause ist.

Bleibt eine Frage: Wo kriege ich hier eine Schweizer Fahne her?

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s