Evangelische Minderheiten

Die Evangelischen in Rottenburg am Neckar waren einmal eine Minderheit in der katholischen Bischofsstadt. Heute kann man über 6000 Mitglieder schlecht so nennen. Doch aus eigener Erfahrung schlägt bei vielen das Herz für evangelische Minoritäten in aller Welt. Das Hilfswerk, das sich seit 1832  für diese einsetzt, nennt sich nach dem Schwedenkönig Gustav Adolf, abgekürzt GAW. Das GAW Württemberg beging an diesem Wochenende sein Jahresfest. Vgl. http://www.gaw-wue.de/was-wir-tun/jahresfeste-gaw-tage/2016-rottenburg/#c469693.

Was offiziell von Prominenten vorgetragen wird, findet meistens in den Medien Beachtung. Interessanter finde ich die Begegnungen und Gespräche mit engagierten Christen aus aller Welt, die ein solches Fest ermöglicht. Wenn auch die Kirchen und Gemeinden oft klein und arm sind, so ist doch erstaunlich, was sie bewegen können.

Gefreut habe ich mich, dass viele junge Leute teilgenommen haben, die teils nach Schule oder Studium ein Jahr oder länger in solchen Gemeinden in Osteuropa oder Lateinamerika mitarbeiten wollen. Aber auch die offiziellen Gäste,  insbesondere Frauen, hatten einiges zu bieten. So imponierte mir eine Kollegin aus Polen, der man nach erfolgreichem Theologiestudium die Ordination zur Pastorin verweigerte. Sie folgte den vielen polnischen Migranten nach Großbritannien, die sie nun als ordinierte Pastorin der dortigen lutherischen (!)  Kirche seelsorgerlich betreut. Die Kirche, von deren Existenz neben der anglikanischen ich nichts wusste,  kann allerdings ihre hauptamtlichen Mitarbeiter nicht ausreichend bezahlen, sodass alle noch einem „Brotberuf“ nachgehen müssen.

Eine junge Frau aus Ungarn erzählte von den Jugendlagern, die sie für ihre lutherische Kirche in Budapest organisiert. Ich hielt sie für eine Theologiestudentin, aber sie entpuppte sich als Kriminalpolizistin.

Wir hatten die evangelische Pfarrerin von Thessaloniki bei uns zuhause als Übernachtungsgast. Sie hielt am Sonntag wie viele andere Gäste in den umliegenden Kirchen die Predigt (mit Nachgespräch) und sagte u.a.: „Als Pfarrerin der Ev. Kirche deutscher Sprache in Nord- und Mittelgriechenland sehe ich die Situation der Flüchtlinge doppelt schwierig: sie sitzen in einem Land fest, in dem sie nicht bleiben wollen; und dieses Land ist völlig überfordert, sich um diese Menschen zu kümmern, wie sie es brauchen. Die Schlamm- und Matschbilder von Idomeni sind um die ganze Welt gegangen. Und neu entbrennt die Frage: was ist menschenwürdiges Leben, was macht aus einer Unterkunft ein Zuhause? Unsere Sprache ist deutlich: Wir sprechen nämlich von „Lagern“, von „Auffanglagern“, von „Hot-Spots“, von „Camps“ und „Zeltstadt“. Ob wir nun die Deutsche Sprache oder die Englischen Begriffe benutzen, ob wir Wörter dafür neu erfinden oder umfüllen, sie sagen doch alle das gleiche: Orte des Übergangs! Und nicht nur der Name spricht! Auch die Orte sind sprechend. Das Auffanglager Diavata befindet sich direkt neben dem Gefängnis. Das Lager „Limani“ ist auf dem Hafengelände für Gütertransport der Stadt Thessaloniki und die Flüchtlinge bei Kavala sind in einer Zeltstadt untergebracht, in sicherer Entfernung zur City. Auch mit der Wahl der Orte kann man sagen: Wir wollen euch nicht! Ihr gehört nicht dazu!

Als Evangelische Kirche deutscher Sprache versuchen wir mit unseren Möglichkeiten zu helfen. Unsere Hilfe gilt allen Menschen, denen wir begegnen. Und so laden wir alle an unseren Mittagstisch zu einer warmen Mahlzeit mit Begegnungen und Gesprächen. Wir laden alle ein, unseren Second-Hand-Laden zu besuchen, um sich dort gut und günstig einzukleiden. Und genauso sind wir nun dabei, ein Wohnprojekt umzusetzen, um Menschen aus den Zelten herauszuholen und ein Zuhause zu geben. Dabei haben wir die besonders Schutzbedürftigen im Blick: junge Mütter mit ihren kleinen Kindern. Aus diesem Grund suchen wir nun innerhalb Thessalonikis eine große Wohnung oder ein Haus, das wir anmieten und entsprechend umbauen können. Auch wenn wir nur drei bis vier kleine Familien unterbringen können, ist es das, was wir geben können.

Wie schwierig sich das nun gestaltet, spüren wir jetzt. Man sollte meinen, dass es in der zweitgrößten Stadt in Griechenland genügend Wohnraum gibt, ja, sogar mehr als gebraucht wird. Doch wenn es für Fremde sein soll, für Frauen und Kinder aus Syrien, Afghanistan, aus dem Irak, dann bleiben auf einmal die Türen verschlossen. Dann zählt die Meinung der Nachbarn, das Gewicht der Vorurteile, die Angst vor dem Fremden mehr als die garantierte Miete jeden Monat auf der Hand. Dann bleiben Gräben tief und Mauern hoch, die Trennwände trennen und der Zaun steht fest – es gibt die Fern-sind und die Nahen.“

Die vollständige Predigt kann man nachlesen unter http://www.predigten.uni-goettingen.de/predigt.php?id=6508.

Der GAW-Projektkatalog 2016 mit seinen 326 Seiten ist eine aufschlussreiche Lektüre, denn er zeigt, wofür das gespendete Geld gegeben wird und mit welchen Problemen die Kirchen in der Diaspora zu kämpfen haben. Dass allerdings die Evangelische Gemeinde in Oberammergau auch 4000 € für ihr Kirchengebäude beantragt, verstehe ich nicht. So arm ist die Bayrische Landeskirche ja nun nicht.

 

 

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