Armenien-Genozid

Erst spät habe ich mich mit Armenien und seiner Geschichte beschäftigt. Bei der Expo 2000 in Hannover besuchte ich den Pavillon Armenien. Mich interessierte weniger die Tourismus-Werbung oder die politischen Schautafeln. Mich elektrisierte ein Zitat von Adolf Hitler „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ Hitler hoffte vor dem Krieg, dass der geplante Völkermord an den Juden ebenfalls in Vergessenheit geraten würde und erinnerte an die Massaker 25 Jahre zuvor: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“, sagte er auf seiner berüchtigten Rede 1939.

Seitdem habe ich meine Möglichkeiten als Studienleiter einer Akademie genutzt, um Tagungen mit Armeniern durchzuführen, oft unter Beobachtung des türkischen Geheimdienstes und hämischer Kritik türkischer Zeitungen. Ich konnte Studienreisen in ehemalige und heutige Armeniergebiete organisieren in der Osttürkei, aber auch nach Armenien, Syrien, Libanon und Iran.

Deswegen habe ich mich über die Resolution des Bundestags zum Völkermord an den Armeniern gefreut, die insgesamt sehr verhalten ausgefallen ist. Das von der Türkei kritisierte Wort Genozid kommt nicht einmal vor, das Wort Völkermord nur einmal.

„Im Auftrag des damaligen jungtürkischen Regimes begann am 24. April 1915 im osmanischen Konstantinopel die planmäßige Vertreibung und Vernichtung von über einer Million ethnischer Armenier. Ihr Schicksal steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist.”

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/086/1808613.pdf.

Die Reaktion der türkischen Regierung war zu erwarten und liegt auf der bisherigen Politik der Leugnung der Verbrechen, die sich sogar in die deutsche Schulbuchproduktion einmischt. Diese Leugnung erschwert  nicht nur die historische Bildung der meisten Türken, sondern macht die nötige Versöhnung mit Armenien unmöglich.

Historische Quellen stehen reichlich zur Verfügung, nicht zuletzt durch die Arbeiten von Johannes Lepsius, die mich besonders beeindruckt haben.

Als Reaktion auf die Armeniermassaker des Sultans Abdülhamids II. 1894 bis 1896, die bereits genozidalen Charakter hatten, gründete er 1896/1897 mit einer großen Werbekampagne, die ihn durch ganz Deutschland führte, sein Hilfswerk. Es wurden Hilfsstationen sowohl in der Türkei als auch in Persien und Bulgarien aufgebaut, denn die von Mord und Totschlag bedrohten Christen flüchteten damals aus dem Osmanischen Reich in jene Länder. Sein Bericht liest sich wie ein Reiseführer des Grauens. Wer will, kann die Spuren der Vernichtung noch heute sehen, etwa in Van, wo das armenische Viertel nicht mehr besiedelt worden ist. Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei 1916. Neuauflage 2011, Gerhard Hess Verlag, ISBN 978-3-87336-368-7.

Ganz neu erschienen ist die Biografie über Walter Rößler, der damals Konsul im osmanischen Aleppo war und die Massaker ebenfalls beschrieben hat:  „Alle Armenier von Besitz, Bildung und Einfluss sollen beseitigt werden, damit nur eine führerlose Herde zurückbleibt.“ Obwohl auch seine Kollegen aus Erzurum und Adana ebenfalls Alarm schlugen, beeindruckte das Berlin nicht. Er finanzierte Nahrungsmittel für „tausende armenische Flüchtlinge in Konzentrationslagern in der Wüste und Aleppo“. Doch 1916 wurden sie alle von den Türken ermordet. Kai Seyffarth, Entscheidung in Aleppo. Walter Rößler (1871–1929) – Helfer der verfolgten Armenier. Eine Biografie. Donat-Verlag, Bremen 2015, ISBN 978-3-943425-53-6.

Es wäre wünschenswert, dass solche Bücher auch auf türkisch erscheinen, damit Türken sich aus anderen Quellen als nur aus der offiziellen Propaganda informieren können. Wenn jemand – wie ich selbst gesehen habe – in Istanbul „Mein Kampf“ auf türkisch verkauft, müsste das doch auch mit der armenischen Leidensgeschichte möglich sein.

Dass die Türkei die historische Wahrheit leugnet, hat mehrere, auch materielle Gründe. Eine Anerkennung des Genozids müsste eine Bitte um Entschuldigung zur Folge haben und womöglich die Gewährung von Entschädigung. Noch stehen die ehemals armenischen Häuser, die sich Türken (und vor allem auch Kurden) geraubt haben.

 

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