Archiv für den Monat Mai 2016

Reise nach Sizilien: Palermo

Der Anschluss vom Flughafen Catania mit einem SAIS-Bus klappt reibungslos. Auf der Autobahn geht es flott durch das hügelige, ziemlich grüne Land. Nach knapp drei Stunden erreichen wir die Endstation Palermo, die hinter dem Hauptbahnhof liegt. Es ist nicht schwierig, unweit die Straße unserer Unterkunft zu finden. Allerdings scheint unter der angegebenen Hausnummer keine „Casa Vacanze“ zu existieren. Als wir Nachbarn fragen, läuft gleich die halbe Gasse zusammen und diskutiert wild durcheinander. Wir kommen uns vor wie in einem alten italienischen Film. Einer klingelt für uns irgendwo, ein anderer telefoniert ergebnislos. Keiner kennt dieses Haus. Schließlich ruft jemand vom Balkon und eine ältere Frau erscheint, die sich als unsere Wirtin erweist. Sie greift einen Koffer, öffnet die unscheinbare Holztür, deren Nummer ich nun auch erkenne, und eilt zwei dunkle, steile Treppen hinauf. Oben angekommen werden unsere Zweifel beseitigt, als sie  im dritten Stock eine schöne Wohnung öffnet: ein Schlaf- und  ein Wohnzimmer nebst kleiner Küche und Dusche/WC. Sie entschuldigt sich, weil sie uns später erwartet hatte. Sie wollte noch einen Kuchen für uns backen.

Das Quartier um die „Piazza Rivoluzione“ ist sonst noch wenig saniert, die Gasse mit Lavasteinen gepflastert. Das hindert die Sizilianer nicht, mit ihren mittlerweile nicht mehr so kleinen (Fiat 500 sieht man kaum noch) Autos langzubrettern.

Vor exakt vierzig Jahren waren wir jung verliebt schon einmal in dieser Stadt. Keine Ahnung, wo wir damals gewohnt haben, sicherlich in einem billigen „Loch“. Genau erinnere ich mich aber, dass mir beim Trampen nach Monreale der Fahrer meine Frau ausspannen wollte, als ich kurz „verschwinden“ musste. Frustriert von dem ergebnislosen Versuch setzte er uns wütend einfach an der Straße ab. Auf dieser Straße ereilt mich wieder ein Missgeschick. Beim Einsteigen in den Bus gelingt es Langfingern, an mein Portemonnai zu kommen und einige Scheine zu stehlen. Ich ärgere mich mehr über meine Dummheit als über den Verlust. Aber nach einigen problemlosen Tagen in der Stadt hatte ich mich zu sicher gefühlt. Die wunderbaren Mosaiken des Doms lassen den Ärger schnell vergessen.

Der Bau der Kathedrale, zunächst als Klosterkirche und Memorialbau konzipiert, erfolgte in den Jahren 1172 bis 1176. Auftraggeber war König Wilhelm II. von Sizilien. Die Kathedrale zeigt in besonders eindrucksvoller Weise den normannisch-arabisch-byzantinischen Baustil, der zu dieser Zeit in Sizilien verbreitet war und eine Symbiose dreier verschiedener Kulturen darstellte. Normannisch/romanisch ist dabei vor allem der massive Baukörper als Ganzes, arabische Stilelemente zeigen sich in den Blendbögen und Intarsien an den Außenmauern, besonders den Apsiden, und byzantinisch sind die Goldgrundmosaiken an den Innenwänden der Kathedrale.

Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_von_Monreale.

Man sollte allerdings nicht am Sonntag kommen, wenn auch die Einheimischen in die Kathedrale strömen und allen Schalldämpfungsbemühungen der Priester widerstehen. Wenigstens darf man sich hier setzen und meditativ verharren.

In dem gleichfalls wunderbaren Gegenentwurf der „Capella Palatina“ des Normannenpalastes hat man die Stühle abgesperrt, sodass schon die wunden Füße für einen zeitbeschränkten Aufenthalt sorgen.

Aufbau und Ikonographie der Cappella Palatina sind dadurch bestimmt, dass sie den beiden damals auf Sizilien verbreiteten Riten, dem seit dem 8. Jahrhundert auf Sizilien vorherrschenden byzantinischen Ritus und dem von den Normannenherrschern wieder eingeführten römischen Ritus entsprechen sollten. Der Fußboden ist mit kunstvollem Marmor und Porphyr geschmückt. Die Decke aus Holz ist reich mit arabischer Schnitzkunst (Muqarnas) verziert. Gestützt wird diese von massiven Marmorsäulen mit korinthischen Kapitellen. Der Höhepunkt sind aber wohl die Mosaiken an den Wänden und in der Kuppel. Während sich in der Kuppel acht Engel um Christus als Pantokrator reihen, sind an den Seitenwänden Darstellungen des Lebens Christi und Paulus, sowie Episoden aus dem Alten Testament. Von 2003 bis 2008 wurden die Kapelle und ihre Mosaiken mit Unterstützung des schwäbischen Unternehmers und Kunstmäzens Reinhold Würth restauriert.

Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Cappella_Palatina.

Vielleicht sollte der Mann sich auch einmal um das archäologische Museum kümmern, das seit Jahren wegen Restaurationsarbeiten geschlossen ist. Die Oper haben sie seinerzeit einfach gleich aus diesem Grund 23 Jahre geschlossen. Hier tickt die Uhr eben anders.

Kirchen aus allen Jahrhunderten und Stilepochen sind reichlich zu besichtigen, manche kosten mit Recht Eintritt. Das Problem: Nach einigen Tagen weiß man nicht mehr, was man jeweils gesehen hat. Immerhin erlebe ich eine sizilianische Hochzeit mit. Das erspart den Operettenbesuch.

Hinter dem „Politeama Garibaldi“ finden wir die Evangelische Kirche der Waldenser, die leider verschlossen ist. Ein Zettel im Schaukasten informiert, dass die Gottesdienste woanders stattfinden. Die Afrikaner, die sich dort jetzt treffen, haben keine Ahnung oder verstehen uns nicht.

Vor vierzig Jahren haben wir extra einen Abstecher nach Riesi gemacht, um das damals berühmte Sozialzentrum der Waldenser zu besuchen. So richtig verstehe ich den Ort erst jetzt durch die Lektüre von Ralph Giordanos „Sizilien, Sizilien“, der dort die Spuren seines ausgewanderten Großvaters gesucht und gefunden hat.

1961 gründete der waldensische Pfarrer Tullio Vinay das Diakoniezentrum Servizio Cristiano, um die Armut zu bekämpfen. Zu Beginn waren die wichtigsten Schwerpunkte die Eliminierung des Analphabetismus unter Kindern und Jugendlichen, später auch Initiativen zur Verbesserung der Landwirtschaft und Weiterbildungsmöglichkeiten. Heute führt die waldensische Kirche in Riesi einen Kindergarten, eine Grundschule, ein Gästehaus, eine Familienberatungsstätte und betreibt Ackerbau. Die Arbeit wurde sehr von schwäbischen Geldern unterstützt. Als aber Vinay Abgeordneter der Kommunistischen Partei wurde, versiegte der Spendenstrom. Riesi leidet sehr unter der organisierten Kriminalität. Jedes Jahr sterben Menschen durch Konflikte innerhalb der Mafia; häufig findet Brandstiftung statt. Staatspräsident Giorgio Napolitano hat im Frühjahr 2006 den Bürgermeister und den Stadtrat wegen nachgewiesener Verbindungen zur organisierten Kriminalität des Amtes enthoben, dies war in den vergangenen Jahrzehnten schon mehrfach geschehen. Danach wurde die Stadt kommissarisch durch die Regionalregierung in Palermo verwaltet, bis es im Juni 2008 zu Neuwahlen für den Stadtrat kam, die der derzeitige Bürgermeister Salvatore Buttigè in einer Stichwahl gewann. (laut wikipedia)

Noch immer unterstützt das Gustav-Adolf-Werk, die älteste evangelische Hilfsorganisation, etliche soziale Projekte in Sizilien.

Siehe http://www.gaw-wue.de/freiwilligendienst/einsatzstellen/italien.