Kultur als Erfolgsfaktor

„China in der globalisierten Welt – eine Herausforderung“ heißt eine aktuelle Vorlesungsreihe in Tübingen. Veranstaltet wird sie von dem neuen Institut für China-Studien CCT, das das traditionelle sinologische Institut ergänzt. Es heißt:Die Arbeit des CCT deckt vielfältige Aspekte des wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Lebens in China ab, doch wir setzen hierbei ein besonderes Augenmerk auf die Frage der „Werte“, sowohl der Werte der Gesellschaften, die wir untersuchen, als auch unsere eigenen. In einer zunehmend vernetzten Welt ist es unerlässlich Fernkompetenz zu entwickeln, also nicht nur interkulturelle Kompetenz in Form von Wissen über andere Gesellschaften und Kulturen zu erwerben, sondern auch echtes Verständnis zu entwickeln, uns der Unterschiede bewusst zu werden und deren Ursachen zu kennen. Fernkompetenz ist dabei nicht nur eine Fähigkeit, sondern eine Denkweise, die dabei hilft, den Austausch zu stärken, Konflikte zu vermeiden und Kooperation auszubauen.“ Siehe auch http://www.cct.uni-tuebingen.de.

Ich höre die Vorlesung „Kultur als Erfolgsfaktor deutsch-chinesischer Joint Ventures“. Der Saal ist gut besucht von interessierten Senioren, aber auch deutschen und offensichtlich chinesischen StudentenInnen.

Referent ist Prof. Dr. Hans-Wolf Sievert, der als wissenschaftlich interessierter und qualifizierter Unternehmer vorgestellt wird. Seine Beispiele stammen denn auch aus langjährigen Erfahrungen seiner Firma in China. Die Sievert AG in Osnabrück ist eine Holding und Verwaltungsgesellschaft, die an verschiedenen Sparten der Bauwirtschaft beteiligt ist. Näheres unter http://www.sievert-ag.de/de/home.html.

Viel Neues allerdings erfahre ich nicht, da ich in meiner Zeit als Studienleiter selber Tagungen zur interkulturellen Kompetenz durchgeführt habe. Es ist aber wichtig, dass ein Praktiker einmal die Bedeutung der kulturellen Faktoren betont. Wer die nicht beachtet, wird erfolglos bleiben. Die Hälfte der Gemeinschaftsunternehmen (joint ventures) scheitert daran. Insbesondere die Leitungskultur unterscheidet sich häufig, wie das chinesische Sprichwort schon sagt: „Auf der Spitze des Berges haben nicht zwei Tiger Platz.“ Der Referent zitiert solche Sätze auf chinesisch, was allerdings den Chinesinnen neben mir ein leichtes Grinsen entlockt. Beziehungen spielen in China eine weit größere Rolle als im „Westen“, wobei solche kulturellen Muster nicht statisch sind. Die frühere Erfahrung, dass chinesische Studenten nur wiedergeben, was sie gehört haben, ist veraltet. International nehmen sie mittlerweile Spitzenplätze ein. Gleichwohl ist kollektives Verhalten üblicher als westlicher Individualismus. Das Sprichwort dazu: „Der Flintenschuss trifft den Vogel, der den Kopf zu heben wagt.“ Chinesische Unternehmenskultur ist immer noch patriarchalisch geprägt mit Konfuzius: „Der Herrscher sei streng und gütig zugleich.“ Vorbei sei die Zeit, das chinesische Unternehmen viel kopierten, gar technische Entwicklungen stahlen. Abschließend bekamen wir noch einen Weisheitsspruch des Laotse auf den Heimweg: „Der Weg ist zwar beschwerlich, aber die Zukunft ist rosig.“

In der Diskussion wurde mit Recht gefragt, ob denn chinesische Unternehmen sich an westliche Werte anpassen, wenn sie hier investieren, was zunehmend der Fall ist. Der Referent bejahte das und beschrieb als Indiz, dass chinesische Eigentümer das deutsche Management meistens nicht auswechseln (wie es etwa amerikanische Manager tun).

Dass das dennoch zu Schwierigkeiten führt, habe ich kürzlich in dem bemerkenswerten Film „Parchim International“  gesehen. Ich wähnte mich zunächst in einem Spielfilm, weil ich nicht glauben konnte, dass ein  chinesischer Investor in der mir bekannten mecklenburgischen, ziemlich verschlafenen Kleinstadt einen Riesenflughafen à la Dubai bauen möchte. Es ist aber ein irres Kapitel heutiger Globalisierung. Tatsächlich hat ein gewisser Mr. Pang 2007 den alten Militärflughafen gekauft und mit ersten Baumaßnahmen begonnen. Der sehenswerte Dokumentarfilm erzählt wie eine Tragikkomödie das Aufeinandertreffen der Lebenswelten und Glaubenssysteme mit bitteren Einblicken in die skurrile Realität des Kapitalismus.

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