Michael-Satteler-Friedenspreis

Als Gemeindpfarrer habe ich mich in den neunziger Jahren für das Gedenken der Märtyrer der Täuferbewegung  Margareta und Michael Sattler eingesetzt und in einem noch lieferbaren  Buch beschrieben: Elisabeth Schröder-Kappus, Wolfgang Wagner: Michael Sattler. Ein Märtyrer in Rottenburg (1490 – 1527). Tübingen 1998.

Darum habe ich es sehr bedauert, dass ich nicht an der Verleihung des diesjährigen Michael-Sattler-Friedenspreises durch das Deutsche Mennonitische Friedenskomitee teilnehmen konnte. Ausgezeichnet wurde die „Church of the Brethren in Nigeria“ (EYN) und die „Christian and Muslim Peace Initiative“ (CAMPI). Entgegengenommen wurde der Preis von Pfr. Ephraim Kadala, Friedenskoordinator der EYN und dem muslimischen Fachhochschullehrer Hussaini Shuaibu als Vertreter von CAMPI.

Trotz der Agression des Boko Haram hält die EYN fest an der Friedensbotschaft des Evangeliums und verzichtet auf den Ruf nach Vergeltung. Sie unterrichtet ihre Glieder und besonders die junge Generation in der biblischen Lehre von Frieden und Versöhnung, knüpft Kontakte zu dialogbereiten Muslimen und Moscheen. Mit ihren Programmen für Frieden und Gerechtigkeit arbeitet sie gegen die ökonomischen und politischen Ursachen der Gewalt.

„Wir nennen unsere Trauma-Workshops ‚Kathedralen der Tränen'“, erzählte Ephrahim Kadala auf der Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Kirche in Baden, die vom 19.-23. April stattfand. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Tränen in Hülle und Fülle fließen, wenn Täter und Opfer einen Tag damit verbringen, ihre Erlebnisse zu erzählen. Doch für Kadala ist dies ein Kernstück im Prozess der Trauma-Heilung. „Muslime und Christen, Menschen, die mit Boko Haram kooperiert haben und deren Opfer, bringen wir für diesen Prozess bewusst zusammen. Wenn wir diese Menschen in den Workshops miteinander konfrontieren, wird es sehr schwierig“, so der Nigerianer. „Die Opfer haben schließlich nicht nur ihre Häuser und Heimat verloren, sondern mussten in vielen Fällen auch die brutale Ermordung geliebter Menschen mitansehen. Die Täter geben zu, dass sie diese Dinge getan haben, aber sagen, sie hatten keine Wahl. Denn sonst wären sie selbst von Boko Haram ermordet worden.“

Kadala: „Obwohl mehr als eine Millionen Mitglieder unserer Kirche vertrieben worden sind, glauben wir, dass uns Gott hier platziert hat, um diese Krise zu lösen. Deshalb sind wir in Nigeria oder den Nachbarländern geblieben und haben nicht versucht, nach Europa zu fliehen. Doch wir brauchen Hilfe, denn die nigerianische Regierung verwehrt uns ihre Unterstützung. Durch die Unterstützung von Mission 21 in Basel und der Kirche der Geschwister in Amerika, haben wir materielle Hilfe erhalten – Essen, Kleidung, Baumaterial und Haushaltswaren. Aber es ist nicht genug, um die Nachfrage zu decken. Deshalb bitten wir euch, uns in dieser schwierigen Zeit zu helfen, in der wir versuchen, Gottes Willen zu befolgen.“

Husseini  Shuaibu, der sich ehrenamtlich als Moderator und Mediator engagiert, ist im Hauptberuf Dozent an der polytechnischen Fachhochschule in Mubi. Die ersten zehn Minuten jeder Vorlesung nutzt er dafür, seinen Studenten zu erklären, wie wichtig das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen für die Zukunft der Gesellschaft ist. „Ich stamme selbst aus einer Familie, in der es Muslime und Christen gibt. Natürlich feiern wir alle großen Feste gemeinsam“, sagt Shuaibu. Unter dem Terror von Boko Haram litten Christen und Muslime gleichermaßen. Viele Muslime seien ermordet worden, allen voran die islamischen Gelehrten, die den Chefideologen von Boko Haram erklärt hatten, dass ihre Auslegung des Korans unislamisch sei. Shuaibu bestätigt: „Die Terrormiliz hat uns Christen und Muslime eher zusammengebracht, als dass sie uns trennt.“

Die Evangelische Mission in Solidarität EMS (Stuttgart) unterstützt über die Basler Mission – Deutscher Zweig das Projekt „Not- und Aufbauhilfe in Nigeria“

Die Laudatio hielt Prof. Jürgen Moltmann. Er erinnerte daran, dass Luther die Kirche zwar aus der babylonischen Gefangenschaft des Papsttums befreit habe, aber dass die Täufer als die eigentlichen Reformatoren versucht hätten, die Kirche auch aus der babylonischen Gefangenschaft des Staates zu befreien. Michael Sattler als einer der Autoren der Schleitheimer Artikel (Februar 1527) hätte an der Ausformulie­rung des Programms der christlichen Gewaltlosigkeit einen wichtigen Anteil und es sei gut, dass die Erinnerung an ihn hochgehalten werde – und hoffentlich auch in den Feiern zum Jubiläum der Reformation gebührend erwähnt werde.

Wörtlich sagte er: „Es wird Zeit, dass wir nicht nur die Schuld unserer Vorfahren bekennen, sondern auch unsere Bekenntnisschriften revidieren oder neue Bekenntnisse schreiben… Terrorismus entsteht in den Herzen und Köpfen von Menschen und muss darum in den Herzen und Köpfen der Menschen überwunden werden. Das ist die Sprache des Friedens, die Leben schafft, nicht der Gewalt. „Terroristen verstehen nur die Sprache der Gewalt“, wird uns von allen Seiten gesagt. Aber die Sprache der Gewalt hat die Zahl von einigen hundert Terroristen zu Bin Ladens Zeiten zu zehntausenden in ISIS und Boko Haram heute empor schnellen lassen. Es ist gut, wenn die Christlich-Muslimische Friedensinitiative“(CAMPI) die jungenMänner davon abhält, sich dem Töten und Getötetwerden hinzugeben, und sie für das Leben zurückgewinnt. Es ist gut, wenn Christen und Muslime sich um die missbrauchten Kindersoldaten kümmern, um vom Trauma des Todes zu heilen. Es ist gut, wenn die Opfer von Unrecht und Gewalt in Workshop-Zentren der Kirche den Weg aus Schmerz und Trauer heraus finden. Den Menschen von Boko Haram zu vergeben, was sie anrichten, heißt, ihnen den Weg  zum Leben zeigen, und das Böse, das sie in ihren Opfern an Hass und Vergeltungssucht erwecken, zu überwinden. Insofern öffnet die Vergebung den Tätern die Chance zur Umkehr und macht die Opfer frei von der Fixierung auf die Täter. Wir wünschen nicht, dass die Menschen von Boko Haram vernichtet werden, sondern dass sie zu einem Leben in Frieden bekehrt werden. Wir lassen uns durch die Feindschaft nicht zu Feinden unserer Feinde machen, sondern sehen auf den Willen unseres Vaters im Himmel, dessen Kinder wir sind und bleiben wollen. Wir danken der „Kirche der Geschwister“ und der Christlich-Muslimischen Friedensinitiative für ihr Friedenszeugnis in Todesgefahren und sind ihre Geschwister und Freunde.“

Ich hoffe, dass diese Rede und die anderen wertvollen Beiträge noch reichlich verbreitet werden. Gestern war davon im Gottesdienst meiner Rottenburger Gemeinde noch nichts zu sehen. Es reicht nicht, sich allein auf das Internet zu verlassen, wo man glücklicherweise viele Informationen nachlesen kann.

 

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