2. Juni 1967: Ich war 19

Eine Woche Berlin, um Freunde zu besuchen und Kultur zu tanken. Anlass der Reise ist jedoch eine Einladung des TV-Senders „rbb“, der für 2017 eine Gedenksendung der ARD zum 50. Jahrestag „2. Juni 1967 Benno Ohnesorg“ plant. Ich soll als Zeitzeuge erzählen.

Alle zehn Jahre werde ich zu jenem verhängnisvollen Tag interviewt, als bei der Anti-Schah-Demonstration der Polizist Kurras den Studenten Benno Ohnesorg erschoss und ich zufällig daneben stand. Es hätte auch mich treffen können.

Nun stehen wir also mit einem Kamerateam am „Tatort“ vor der Deutschen Oper Berlin, wo seinerzeit der Regierende Bürgermeister von Berlin Heinrich Albertz den Despoten in die „Zauberflöte“ lud. Diese Aufführung wollten wir Studenten gründlich verpfeifen. Wir hatten eine enorme Wut im Bauch, da bei der ebenfalls gewaltlosen Demonstration am Vormittag vor dem Schöneberger Rathaus – damals der Westberliner „Regierungssitz“ – die berüchtigten „Jubelperser“ mit Latten auf uns eingeschlagen hatten und die Berliner Polizei zu unserem Entsetzen tatenlos zuguckte. Schließlich hatte ja die damals noch mächtige Springer-Presse in BILD oder BZ öfter geschrieben, dass man den linken Studenten mal das Gehirn locker schlagen müsse.

Es ist oft beschrieben worden, was dann geschah. Am besten m.E. von Uwe Soukup: Wie starb Benno Ohnesorg? – Der 2. Juni 1967. Verlag 1900, Berlin 2007, ISBN 978-3-930278-67-1. Er berät jetzt auch das TV-Team.

Die Redakteurin fragt mich  nun ein weiteres Mal. Bald weiß ich nicht mehr, was ich eigentlich gesehen oder was ich später gelesen habe. Sie hat mir aber erstmals meine Aussage zur Verfügung gestellt, die ich wenige Tage nach dem 2. Juni einer Untersuchungskommission des ASTA (Studentische Selbstverwaltung der Freien Universität) auf’s Tonband gesprochen hatte.

Als die Polizei nach der berüchtigten „Leberwursttaktik“ des Polizeipräsidenten mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln gegen uns vorging, wichen wir in die Krumme Straße aus und flüchteten auf das Grundstück, auf dem Ohnesorg erschossen wurde. Ich sagte damals: „ Ich bin dort von einem Fotoreporter der BZ fotografiert worden, wie ich neben Ohnesorg hinter einer Teppichstange stehe. Etwas davor sah ich, wie in einem gelb-grünen Anzug ein Zivilpolizist auf einem Demonstranten kniete und auf ihn einschlug. Diese Polizisten hatten wir vorher beobachtet, dass sie einzelne Demonstranten als Rädelsführer herausgreifen wollten. Der Beamte schlägt immer wieder zu und ich brülle noch: „Hören Sie doch auf, sie schlagen ihn ja tot.“ Ich wusste aber nicht, was ich machen sollte. Inzwischen wurde es auf dem kleinen Grundstück sehr eng und ich bin weggelaufen. Sekunden später muss der Schuss gefallen sein, den ich aber nicht hörte oder als solchen erkannte.“

Dreimal bin ich mit solchen Aussagen als Zeuge zum Kurras-Prozess geladen worden, aber es hat keine Verurteilung gegeben. Für völlig unwahrscheinlich halte ich, dass der Todesschütze Kurras in Notwehr gehandelt habe.

Außer mir ist jetzt noch ein Arzt vor die Kamera geladen, der damals als Medizinstudent dabei war. Er kann zusätzlich berichten, dass in seiner Klinik Notfallbetten frei gehalten wurden und Chirurgen Urlaubssperre bekamen. Man hat also vorher mit Toten und zumindest Verletzten des Polizeieinsatzes gerechnet.

Es gibt noch mehr Ungereimtheiten, die diverse Verschwörungstheorien befördern. Der dritte Interviewpartner ist Lukas Ohnesorg, der Sohn, der erst später im November geboren wurde. Er fragt vor allem, warum man die Krankenhäuser, die seinem sterbenden Vater Erste Hilfe verweigert haben, nicht weiter belangt hat. Mysteriös findet er auch, dass an der Schädeldecke manipuliert worden war, sodass der genaue Verlauf der tödlichen Kugel nicht rekonstruiert werden konnte. Ein sechs mal vier Zentimeter großes Knochenstück der Schädeldecke mit dem Einschussloch war herausgesägt und die Kopfhaut darüber zugenäht worden.

Ein damals beteiligter Assistenzarzt, der aus einer mit dem Schah befreundeten persischen Familie stammt, erklärte 2009, er habe Ohnesorgs Totenschein auf Anweisung seiner Vorgesetzten mit falschem Todeszeitpunkt ausgefüllt. 2012 erklärte dieser Arzt,  er habe auf Anweisung seines Chefarztes, nicht aufgrund eigener Untersuchung „Schädelverletzung durch stumpfe Gewalteinwirkung“ als Todesursache eingetragen.

Darum verstehe ich nicht, warum der damals noch angesehene Rechtsanwalt Horst Mahler als Nebenkläger der Familie nicht nachgehakt hat. Mich hat er seinerzeit als Zeuge ins Kreuzverhör genommen, die Polizei aber wohl nicht. Nachdem 2009 bekannt wurde, dass Kurras 1967 inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit gewesen war, wurden neue Ermittlungen durchgeführt. Sie ergaben 2011, dass er auf Ohnesorg ohne Auftrag, unbedrängt und wahrscheinlich gezielt geschossen hatte. Er wurde dennoch nicht erneut angeklagt.

Eine knappe Gesamtdarstellung findet sich in https://de.wikipedia.org/wiki/Benno_Ohnesorg.

Der 2. Juni 1967 war für mich ein Wendepunkt, das Ende meines naiven Glaubens, in einem wohlgeordneten Rechtsstaat zu leben. Ich war 19 Jahre jung, im 2. Semester Theologie und Philosophie und als Sozialreferent im AStA politisch für den Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) aktiv. Wir verstanden uns als Teil der Studentenbewegung, waren aber in Opposition zu Dutschkes SDS. Seine Gewaltbereitschaft und marxistische Weltsicht lehnte ich ab. Geblieben ist aber das globale Engagement gegen Despoten aller Art, der Einsatz für Menschenrechte und Frieden.

So wichtig dieses Datum für meine Generation auch ist, so ist es doch zu relativieren. In diesem Jahr feiert die DEFA ihr 70jähriges Jubiläum. Deren Filme haben wir im Westen lange nicht zu sehen bekommen. Ich schaue mir im Berliner „Babylon“ mit fünf (!) anderen Zuschauern den DEFA-Film von 1968 „Ich war neunzehn“ an. Da schildert Konrad Wolf ziemlich autobiografisch, wie er als Soldat der Roten Armee 1945 nach Berlin kommt und mit neunzehn Jahren Kommandant von Bernau wird. Zwar ist der Einsatz der Roten Armee etwas geschönt, aber meinen Respekt gegenüber dieser Generation, die weit Schlimmeres erlebt hat als wir, kann ich nicht versagen.

 

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