Catania

Das Standquartier unserer Klasse ist für eine Woche ein Hotel  in Catania. Leider ist die Villa etwas abgelegen, sodass man den Bus nehmen muss. Der fährt allerdings nach einem geheimen Fahrplan, in der Siesta wohl selten und am 1. Mai zu unserer peinlichen Überraschung überhaupt nicht. Ich soll die Gruppe führen, obwohl ich selber erst einmal vor 40 Jahren hier war. Aber es gibt ja nicht nur den (nicht mehr so guten) Baedeker, sondern auch Internet-Informationen.

Siehe http://www.italien-inseln.de/catania/ct.html.

Bevor wir richtig in de Innenstadt kommen,  erleben wir den Feiertag der Befreiung Italiens vom Faschismus. Mit roten Fahnen demonstrieren etliche linke Gruppen und blockieren die Straße. Auf einem Transparent wird der Ministerpräsident Matteo Renzi (*1975 in Florenz,  Partito Democratico) als neuer Mussolini bezeichnet. Später schaue ich mir die italienische Geschichtsauffassung im „Museo Storico dello Sbarco in Sicilia 1943“ an.

Catania ist mit über 315000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Siziliens. Ich merke das, als wir einmal in den falschen Bus steigen und eine unfreiwillige Stadtrundfahrt antreten. Zu Fuß muss man erhebliche Strecken zurücklegen. So bin ich einmal rauf und einmal runter die ganze Via Etnea gelaufen. Diese Hauptstraße mit vielen Geschäften und Plätzen, ist etwa drei Kilometer lang und verläuft schnurgerade von der Piazza del Duomo in Richtung Ätna.

Catania ist eine der spätbarocken Städte des Val di Noto, die zum UNESCO-Welterbe erklärt worden sind. Also sind wieder einmal Kirchen und Paläste angesagt.

Die Stadt wurde im 8. Jahrhundert v. Chr. von griechischen Siedlern aus Naxos gegründet, deren Hinterlassenschaft aber nicht so eindrücklich sind. Wichtiger sind die Römer gewesen. Im 3. Jahrhundert v. Chr. entwickelte sich die Stadt unter römischer Vorherrschaft zum wichtigsten Handelsstützpunkt des damaligen Siziliens. Der Hafen ermöglichte regen Handel im gesamten Mittelmeerraum. Ich ärgere mich, dass ich manche Inschriften nicht übersetzen kann. Dafür hat man nun sieben Jahre Latein auf der Schule gehabt. Immerhin bin ich flott mit den römischen Zahlen. Das Amphitheater, aus Marmor und Lavagestein erbaut, war in der Antike mit 7000 Sitzplätzen eines der größten auf Sizilien. Heute ist es teilweise von barocken Gebäuden überbaut.

Einen weiteren Aufschwung erfuhr die Stadt durch die Araber, die die fruchtbaren Böden in der Umgebung für den Anbau von Zitrusfrüchten nutzten. Catania wurde damit zu einem der wichtigsten Zentren der Landwirtschaft.

Im Jahr 1669 wurden Teile der Stadt nach einem Vulkanausbruch des Ätna unter Lavaströmen begraben. Ein schweres Erdbeben im Jahr 1693 zerstörte Catania fast vollständig. In den folgenden Jahrzehnten wurde es im barocken Baustil, der noch heute das Stadtbild prägt, wieder aufgebaut.

O.K. auf dem berühmten Fischmarkt ist am Feiertag nicht viel los. Auch der Hafen kann die Jungens von der „Waterkant“ nicht beeindrucken, zumal wir dort nichts Essbares finden.

Wir machen Kaffeepause am Castello Ursino, wo ich die schöne Geburtslegende über Friedrich II., erzählt von Albert von Stade(!), zum Besten geben kann.

Das Kastell, um 1240 auf Anweisung des Staufer-Kaisers errichtet, war im 14. Jahrhundert Residenz der aragonischen Könige. Derzeit beherbergt es das Museo Civico, das unter anderem über eine Sammlung griechischer Skulpturen verfügt. Da will aber keiner von uns rein. Die Griechen-Begeisterung hat wohl etwas nachgelassen.

Ansonsten erweisen wir noch den großen Sohn der Stadt, dem Opernkomponisten Vincenzo Bellini, am Teatro Massimo Bellini unsere Reverenz. Ihm ist auch das Nudelgericht Pasta alla Norma gewidmet.

Dieser Tag der Befreiung lässt mich überlegen, was ich über Mussolini weiß. Wenig! Es ist eine neue Biografie erschienen, die ich mir mal vornehmen werde. Die Rezensionen machen neugierig: Hans Woller, Mussolini. Der erste Faschist. Eine Biografie. C. H. Beck Verlag, München 2016.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.04.2016:„Predappio“ heißt das erste und auch das letzte Kapitel der biografischen Parabel – das Städtchen, wo Mussolinis Leben begann und wohin seine sterblichen Überreste zwölf Jahre nach seinem Tod zurückkehrten, sei heute ein „gefährlicher Erinnerungsort“, merkt Hans Woller im Schlusskapitel an und fügt lakonisch und unter Anspielung auf den Kult der in Italien „nostalgici“ genannten Verehrer des Duce hinzu: „Mussolini lebt“; nichtsdestoweniger sei die Gefahr einer Renaissance des Faschismus heute gering, bekräftigt der Autor. Gerade wenn man diesen Optimismus nicht vorbehaltlos teilt, wünscht man Hans Wollers Buch möglichst viele Leser, denn wie kaum ein anderes entzaubert es einen Diktator, der vor nicht einmal einem Menschenalter die Massen begeisterte und dem nicht nur in Italien nicht wenige der Intellektuellen huldigten.

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