Am Ätna

Endlich kann ich den Mietwagen am Flughafen Catania unbeschädigt abgeben und meine Klassenkameraden  begrüßen. Zehn (von 16) meiner Abiturklasse von 1966 sind gekommen. Wir feiern im Hotel „Villa del Bosco“ bei einem Festmenu zusammen mit meiner Frau und deren Freundin, die beide wegen ihrer Italienischkenntnisse hoch willkommen sind. Einige habe ich fünfzig Jahre nicht mehr gesehen. Beim Abendessen werden aber nicht nur Erinnerungen ausgetauscht. Morgen soll es gleich auf den Ätna gehen. Darum hält – wie 1966 bei unserer Romreise – einer einen Einführungsvortrag. E. ist Lehrer geworden und visualisiert seinen originellen Vortrag mit einem selbst gemalten Plakat. Allerdings ist wohl nicht Geografie sein Fach.

Am nächsten Tag fahren wir mit dem gemieteten Bus gleich los. Doch ist der Berg, den wir schon ein paar Mal unter blauem Himmel bewundert haben, in dunkle Wolken gehüllt. Wir nehmen die Seilbahn und stapfen munter von der Bergstation los. Natürlich ist es windig und sehr kalt. Oben liegt noch Schnee. Ich steige etwas höher. Aber so ein schwarzer Berg ohne Baum und Büsche gefällt mir nicht. Den Gipfel mit seinen 3300 m werde ich ohnehin nicht schaffen. Diesmal nicht! Es ist ein Gefühl, als laufe man auf einem Aschehaufen. Die ersten sind schon wieder unten und plaudern lieber im Café. Man kann sich dort die früheren Ausbrüche per Video anschauen.

2013 erst konnte man sehen: So heftig wie seit Jahren nicht spuckt der Ätna Feuer. Der italienische Berg ist der am besten erforschte Vulkan der Welt – und der unberechenbarste. Der Feuerberg tobt. Alle paar Wochen schießen Lavafontänen empor, teilweise höher als der Eiffelturm. Glühende Ströme ergießen sich in die umliegenden Täler. Bereits dreizehn Ausbrüche gab es seit Anfang Februar.“

Dieses Jahr ist zum Glück alles ruhig. Aber man sieht weiter unten die Zerstörungen, die die Lava angerichtet hat. Manchmal musste der Flughafen geschlossen werden.

Der Ätna ist voll verkabelt mit Sensoren: Er spuckt nicht nur Lava aus, sondern auch Ströme von Daten – täglich viele Gigabyte, die von Magnetfeldsensoren, GPS-Höhenmessern oder Erdbebenfühlern geliefert werden.

Trotz der Totalvermessung gibt der Ätna den Forschern aber noch immer Rätsel auf. Vielen Geologen gilt der Ätna bis heute als der am schwersten zu verstehende Vulkan der Welt. Der Berg befindet sich genau dort, wo die afrikanische und die europäische Kontinentalplatte seitlich aneinanderreiben wie zwei gigantische Eisschollen. An dieser Plattengrenze fließt aus über 30 Kilometer Tiefe dünnflüssige Lava nach oben in ein Magmareservoir zwei Kilometer unter dem Gipfel. Der Magmastrom bewegt sich nicht gleichmäßig voran, sondern in Schüben, er gerät in Schwingungen wie in einer Hydraulikpumpe. Das macht den Ätna so schwer berechenbar

Derzeit verhält sich der Ätna wie eine unter Druck stehende Sektflasche. Seit einigen Jahren fließt das Magma schneller empor, ein schaumartiges Gebräu aus Gas und glühender Gesteinsschmelze. Für den Ätna ist das relativ normal, aber die Gesellschaft hat sich enorm verändert. Es ist heute sehr viel schwieriger geworden, eine Evakuierung durchzusetzen.

Schon in der Antike fragten sich die Menschen, welche Kräfte wohl imstande seien, Lavafontänen bis in den Himmel zu schießen. In der griechischen und der römischen Mythologie schwingt ein hinkender Schmied seinen Hammer, auf dass die Funken fliegen. Der Naturphilosoph Empedokles aus Agrigent soll der Legende nach vor 2500 Jahren in den Krater gesprungen sein. Der Tod des Empedokles ist ein unvollendetes Dramenprojekt von Friedrich Hölderlin.

Die Umgebung am Fuße des Berges ist viel schöner. Da das Gebiet sehr fruchtbar ist, siedeln sich die Leute trotz der Gefahren immer wieder an. Wir sind später, als meine Klasse schon wieder weg ist, eine Etappe mit der Kleinbahn „Circumetnea“ bis Adrano gefahren.

Die Gruppe will aber heute noch nach Taormina. Für uns ist das ein befremdliches Wiedersehen nach vierzig Jahren, denn der Touristenrummel hat erheblich zugenommen. Das griechische Theater aber bietet noch immer einen traumhaften Ausblick auf das Meer. Unser Literaturdoktor lässt es sich nicht nehmen, Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ („Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich…“) ganz vorzutragen und erntet Szenenapplaus auch von denen, die kein deutsch verstehen.

 

 

 

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