Magna Graecia in Sizilien

Der aktuelle Grund für unsere Sizilien-Reise ist das Klassentreffen der ehemaligen 13g meines „Athenaeums“. Wir feiern fünfzig Jahre Abitur! Die zehn Herren (Jungengymnasium!) treffen aber erst später ein. So besuchen wir teils allein, teils mit der Gruppe die Überreste der „Großgriechen“ (Magna Graecia), also Segesta, Selinunte, Agrigent, Syrakus, Taormina und als Standquartier Catania.

Zunächst aber muss ich mit dem kreativen Verkehrsverhalten der Sizilianer allein klarkommen. Die meisten Autos haben Beulen und Kratzer, die ich bei einem Mietwagen vermeiden will. Chaotisch ist auch unser „Navi“. Die spanische Sprache geht ja noch, aber es lässt sich einfach nicht vernünftig einstellen. Das wäre aber nervenschonend gewesen, denn auch die Hinweisschilder, falls überhaupt vorhanden, führen oft in die Irre. Auf der Autobahn geht es ja, aber auf Nebenstraßen ist man schier verloren. Doch außer Zeit und Geld können wir ja nichts verlieren.

Goethe hatte es da auf seiner italienischen Reise, Abteilung Sizilien, schon schwerer. Er musste noch Räuberbanden fürchten. Damit hat die Mafia aufgeräumt, indem sie selber eine wurde.

Goethe ist immerhin bis Segesta geritten. Mit seinen Augen sehe ich den wunderbaren einsamen Tempel: „Die Lage des Tempels ist sonderbar: am höchsten Ende eines weiten, engen Tales, auf einem isolierten Hügel, aber doch noch von Klippen umgeben, sieht er über viel Land in eine weite Ferne, aber nur ein Eckchen Meer.“ Sorry, Herr Geheimrat! Das Meer kann man vom Tempel durchaus nicht sehen. Da ist wohl die dichterische Imagination – wie so oft – mit ihm durchgegangen. Ein Mythos ist wohl auch die Erzählung, dass die Griechen von Segesta den Tempel nur begonnen haben, um den Athenern zu imponieren, deren Unterstützung im Krieg  sie wollten. Fakt ist, dass die griechischen Stadtstaaten sich ständig bekriegt haben. Warum nur? Es ist doch genügend Platz für alle hier. Übrigens wurden diese Kriege mit aller Härte ausgefochten: „Die oder wir!“ Oft wurden die Städte total zerstört, die Männer massakriert und Frauen und Kinder versklavt. Die überlieferten Tricksereien der Griechen will man gern glauben. So haben sie es in ihrer Geschichte immer gehalten, und machen mit der EU so weiter.

Es ist noch keine Saison, weshalb wir fast allein solchen Gedanken nachhängen können. Unheimlich ist die Einsamkeit, als ich über Calatafimi eine Abkürzung zu Südautobahn nehmen will und auf abenteuerliche Straßen gerate. Mir fällt ein, dass noch vor achtzig Jahren viele Dörfer nur durch ausgetrocknete Flusstäler zu erreichen waren.

In der weit größeren Ausgrabung von Selinunte bleiben wir ein paar Tage. Ich gebe zu: Archäologie macht nur mit viel Phantasie Spaß. Man muss schon die Ruinen im Geiste auferstehen  lassen und sich das Treiben vom 8.-3. vorchristlichen Jahrhundert lebhaft vorstellen. Einmalig am Meer gelegen wandere ich bis zum Heiligtum der Demeter Malophoros und frage mich, welche geheimnisvollen Mysterien ihre Priesterinnen wohl veranstaltet haben. Die andern Tempel kann man nicht zuordnen, die Archäologen haben sie einfach nach dem Alphabeth gekennzeichnet. Auch diese antike Großstadt (300000 Einwohner) erlitt ein grausames Schicksal: Karthago eroberte sie 409 v.Chr. , richtete 16000 hin und versklavte 6000. Gute alte Zeit?!

Karthago – man kennt die drei späteren punischen Kriege gegen Rom. Doch schon vorher haben die Punier (ursprünglich aus Phönizien) welche in Sizilien geführt. Die Eroberer kommen ja schon immer über das Meer. Von ihnen gibt es nicht viele Hinterlassenschaften. Eine großartige Ausgrabung ist auf der Insel Mozia (Mothia), das wir auf einer Spritztour nach Erice besuchen.

Der englische Weinhändler Whitaker hat die Insel bei Trapani gekauft und erste Ausgrabungen geleitet. Bereits im 8. vorchristlichen Jahrhundert entstand hier eine phönizische Siedlung, die 397 v.Chr. von Dionysios I. von Syrakus erobert wurde. Ein Meisterwerk aus dieser Epoche ist die Marmorstatue „Jüngling von Mothia“, die im Museum gezeigt wird. Den Binnenhafen der Siedlung (Kothon) diente als Dockanlage.

Mit Karthago verbinde ich ein kleines Schultrauma. Irgendwann übersetzten wir im Lateinunterricht Vergils Aeneis. Plötzlich wurde ich aus tiefstem Schlummer geweckt durch die schnarrende Stimme unseres Lehrer: „Wie interpretieren Sie Didos Verhalten?“ „Verdammt“, dachte ich, „wer ist das überhaupt?“ Um meine Ahnungslosigkeit zu überspielen, versuchte ich eine Antwort, die sowohl für die weibliche als auch die männliche Form durchgehen könnte. Es muss ein ziemlicher Unsinn  gewesen sein, weshalb ich ein scharfes Urteil erhielt, das mein Selbstbewusstsein erheblich gefährdete. Was interessierte mich der Liebeskummer dieser Königin von Karthago? Ich hatte selber welchen. Wikipedia gab es leider noch nicht: https://de.wikipedia.org/wiki/Dido_%28Mythologie%29.

„Auf der Flucht aus Troja treibt den Aeneas ein Sturm an die Küste des neu gegründeten Karthago, dessen Königin Dido ihn gastlich aufnimmt. Auf Betreiben von Venus, der Mutter von Aeneas, die ihren Sohn auf diese Weise schützen will, und Juno die ihn so vom verheißenen Land Italien fernhalten will, verliebt sich Dido unsterblich in Aeneas. Trotz eines Eides, den sie einst abgelegt hatte, sich nie mehr mit einem Mann einzulassen, vereinigt sie sich mit Aeneas während eines Unwetters in einer Höhle. Doch Jupiter schickt den Götterboten Mercurius, um Aeneas an seine Pflichten zu erinnern − so verlässt er Karthago, was Dido in den Suizid treibt: Sie ersticht sich mit dem Schwert des Aeneas. Doch zuvor schwört sie Rache und schafft so die Grundlage für den späteren Konflikt zwischen Rom und Karthago.“

 

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