Migranten und Mafia in Palermo

Städte im Süden sind ein wunderbares Freilufttheater, weil sich das Leben weithin auf der Straße abspielt. In diesen Tagen sind massenweise Schulklassen mit ihren hübschen Lehrerinnen unterwegs. Da sage noch einer, die Italiener hätten keine Kinder mehr. Mit ihren einfarbigen Kappen je Klasse tummeln sie sich lautstark in Museen und Kirchen. In Palermo führen die älteren Schüler sogar Touristen. So trainieren sie gleichzeitig ihre Sprachkenntnisse. Jede Klasse hat ein Objekt genauer studiert. Wir hören einer Studentin zu, die uns detailliert die sogenannte Admiralskirche „Chiesa Santa Maria dell’Ammiraglio“ erklärt. Die Kirche ist ein gutes Beispiel für das friedliche Zusammenleben verschiedener Rassen und Religionen. Eine Säule trägt eine Inschrift mit dem islamischen Glaubensbekenntnis in kufisch-arabischer Schrift. Die Madonna hält ein Blatt mit griechischen Buchstaben in Händen. An der Decke ist ein Kindergebet aus Griechenland in Arabisch zu entdecken. Der Altarraum ist mit wunderbaren byzantinischen Goldmosaiken gestaltet, der hintere Teil hingegen im Barockstil ausgemalt. Neben der Tür lese ich eine Gedenktafel für den albanischen Freiheitskämpfer Skanderbeg. Nach ihrer Niederlage im Kampf gegen die Osmanen sind viele Albaner nach Sizilien geflüchtet und haben eigene Dörfer gegründet, in denen sie noch heute albanisch sprechen und eigene Gottesdienste feiern. Zehn Jahre nach Skanderbegs Tod konnten die Türken 1478 Albanien erobern und mehr als 400 Jahre lang beherrschen. Viele Mitglieder der Adelsfamilie der Kastrioti und auch andere Albaner flüchteten danach in die versprochenen Ländereien Süditaliens, deren Nachkommen bis heute die Volksgruppe der Arbëresh bilden.

Nebenan vor der Chiesa  San Cataldo treffen wir den Bürgermeister von Palermo, der uns auf deutsch anspricht. Er behauptet, dass diese Schülerführungen seine Erfindung seien. Anscheinend ist er vom nahen Rathaus herübergekommen, um nachzuschauen wie es funktioniert. Seltsamerweise stellt er sich als Schauspieler vor. Jedenfalls zieht er eine ziemliche Show ab. Seine Verdienste werden international anerkannt, aber wir hören auch skeptische Stimmen. Es gibt eben immer missgünstige Verlierer von Reformen.

Leoluca Orlando (*1947 in Palermo) ist  promovierter Jurist und Politiker. Mit kurzer Unterbrechung war er von 1985 bis 2000 und ist erneut seit Mai 2012 Bürgermeister von Palermo sowie auch Abgeordneter des sizilianischen, italienischen und europäischen Parlamentes. Orlando wurde durch seinen Kampf gegen die Mafia international bekannt und lebt seitdem unter permanentem Personenschutz.

Siehe Näheres unter https://de.wikipedia.org/wiki/Leoluca_Orlando.

Von der Mafia spüren wir natürlich als Reisende nichts. Die Meinungen über ihre gegenwärtige Stärke sind kontrovers. Anscheinend ist sie von den traditionellen kriminellen Projekten des Frauen- Waffen- und Drogenhandels in das Finanzwesen gewechselt. Im Baugewerbe und kurioserweise im Müllmanagement scheint sie noch stark zu sein. Vielleicht erklärt ihre Existenz auch, dass weit weniger Afrikaner in Sizilien zu sehen sind als wir erwartet haben. Vermutlich reisen diese bald in den Norden weiter. Das erklärt die wütenden Reaktionen italienischer Politiker gegen österreichische Pläne, den Brenner-Pass zu schließen. Die italienischen TV-Nachrichten sind voll davon.

Im Ursprungsland des Mafia-Clan Cosa Nostra landen täglich bis zu 1000 neue Flüchtlinge und Migranten. Unter den Notleidenden befinden sich auch zahlreiche Bandenmitglieder. Diese Entwicklung beunruhigt die Bosse der Mafia-Organisation.

Sie sehen ihre kriminelle Vormachtstellung bedroht und erklärten den Einwanderern nun den Krieg. Dies berichtet die die britische „MailOnline“. Der Kampf gegen die Einwanderer forderte bereits ein unschuldiges Opfer. Anfang April wurde ein Gambier im Zentrum von Palermo auf offener Straße angeschossen. Der 21-Jährige wurde am Kopf getroffen und schwer verletzt. Eigentlich wollte dieser nur mit Freunden Fußball spielen. Bei dem Attentat handelte es sich anscheinend um eine Verwechslung.

Der Bürgermeister Leoluca Orlando zeigt sich besorgt über die Lage in seiner Stadt. „Palermo ist keine italienische Stadt mehr. Sie ist auch nicht mehr europäisch. Wenn man durch die Stadt spaziert, kommt man sich vor wie in Istanbul oder Beirut,“ so Orlando. Besonders im Stadtteil Ballaro ist der Migrantenanteil seit Beginn der Flüchtlingskrise besonders hoch. Die Anzahl der Einwanderer stieg von fünf auf 25 Prozent. In Ballaro wurde auch der Gambier angeschossen.

Durch die schnellwachsende Anzahl der Migranten und den darunter befindlichen Bandenmitgliedern verliert die Mafia ihre heimliche Kontrolle über die italienische Mittelmeerinsel. Orlando sagt, als die „Mafia noch mächtiger war, hielt sie die Asylwerber fern.“ Zu dieser Zeit habe es fast keine Afrikaner oder Asiaten auf Sizilien gegeben. Die Polizei würde sich nur wenig um die Probleme die durch ausländische Banden entstehen kümmern, erzählen Leute aus der Bevölkerung.  Das Attentat auf den Gambier sei ein brutales Beispiel, wie die Gewalt um sich greift und allmählich die Lage auf der ganzen Insel außer Kontrolle gerät. Offenbar hoffen die Menschen in Palermo auf die Unterstützung der Mafia. Doch jetzt nach dem Anschlag auf den unschuldigen Afrikaner nimmt die Polizei die Mafia-Bosse wieder verstärkt ins Visier. „Die Cosa Nostra will ihre Regeln durchsetzen und ihr Territorium verteidigen. Es gab eine ganze Reihe von gewaltsamen Übergriffen auf Migranten, die die Handschrift der Mafia tragen,“ sagte Polizeikommissar Guido Longo der „MailOnline“.  Der schwerverletzte Flüchtling lag einige Tage im Koma, befindet sich aber inzwischen auf dem Weg der Besserung. Er sagte der Zeitung: „Ich bin ein gläubiger Christ. Ich bin nicht wütend, sondern einfach nur froh, dass ich noch lebe.“

Mit diesem eher pessimistischen Bild verlassen wir Palermo. Vor 40 Jahren sind wir mit der Eisenbahn von Zürich über Rom nach Palermo gefahren. Dieses Jahr nehmen wir sie nur vom Hauptbahnhof zur „Stazione Notarbartolo“ (Spitzengeschwindigkeit gefühlt 30 km/h). Dort mieten wir ein Auto.

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s