Palermo (2)

Goethe kam mit dem Schiff von Neapel nach Palermo und  gelangte am 2. April 1787 in den Hafen, „wo uns ein höchst erfreulicher Anblick entgegentrat“. Heute kann man das vom Hafengebiet Palermos nicht mehr sagen. Abgeschnitten durch eine verkehrsreiche Stadtautobahn ist ein Spaziergang kein Vergnügen. Das gilt auch für das nördlichere Ufer jenseits der „Villa Guiseppe Tomasi di Lampedusa“. Einige Jogger laufen vorbei, andere führen ihren Hund aus. Weit und breit kein Strandcafé. Und das in dieser Lage!

So gehen wir wieder zurück in die Gassen am Botanischen  Garten vorbei, um einige Adelspaläste zu besichtigen. Seit ich Viscontis „Der Leopard“ gesehen habe, tanzt in meiner Einbildung überall Claudia Cardinale durch die Säle. Den Roman gleichen Titels , der jüngst neu übersetzt wurde („Der Gattopardo“), habe ich nun zum zweiten Mal gelesen. Er fasziniert zwar, gefällt mir aber dennoch nicht. Im Grunde verklärt Tomasi eine Ausbeuterkaste, die bis heute eine menschenwürdige Entwicklung der Insel erschwert. Hin und her gerissen betrachte ich darum die alte Pracht. Manche der Kästen sind arg verfallen, aber andere wieder herausgeputzt. Der originale Palast der Lampedusa ist wie andere am 5. April 1943 bei einem Luftangriff auf Palermo in Schutt und Asche gelegt worden.

Ja, auch hier holt einen die deutsche Vergangenheit ein. In der Stadt verschanzte sich das Hauptquartier der deutschen Wehrmacht, weshalb die US-Luftwaffe ein Drittel des alten Stadtkerns zerstörte. Die Nazis wollten sogar noch den Sarkophag mit den Gebeinen Friedrichs II. nach Deutschland transportieren und den Kaiser „heim ins Reich“ holen, aber das gelang ihnen nicht mehr. Nach wie vor liegt er zusammen mit Roger II. und Heinrich VI. im Dom unter mosaikverzierten Baldachinen. Deutsche Verehrer haben ihm ein Blumengebinde mit der deutschen Fahne (wenigstens schwarz-rot-gold) hingestellt. Weniger Beachtung findet an der Seite seine erste Frau Konstanze. An der Wand ihres Grabes steht in Latein: „Siziliens König war ich, Konstantia, des Kaisers Gemahlin. Nun ich hier wohne, bin ich Friedrich, die deine.“ Im Leben war sie es wohl weniger. Er war dreimal verheiratet und hatte wie üblich unzählige Mätressen. Wirklich geliebt soll er aber ein Schwabenmädchen haben.

An Friedrich, schon zu Lebzeiten legendenumrankt, scheiden sich die Geister. Allzu oft war er weder in Palermo noch in Deutschland. Sein Sizilien war im Grunde Unteritalien. Das hinderte ihn nicht, seine Macht überall durch wuchtige Kastelle zu demonstrieren.

Kurioserweise stieß ich bei der Beschäftigung mit seiner Biografie auf einen Abt namens „Albert von Stade“, der in seiner Historie aus sächsisch-welfischer Sicht den Staufer-Kaiser ziemlich mies aussehen lässt. Bedeutsam ist Abt Albert vor allem durch seine im Jahr 1204 begonnene Weltchronik Annales Stadenses, die bis in das Jahr 1256 reicht. (Ich wundere mich nachträglich, dass unser ins Mittelalter verliebter Geschichtslehrer über diesen offenbar bedeutenden Historiker meiner Heimatstadt nichts erzählt hat.)

Bald habe ich vom Adelspöbel genug, der in der Geschichte Siziliens seinen Luxus immer wieder unglaublich obszön ausgelebt hat. Lieber wandere ich an den hübsch-häßlichen Märkten Capo oder Ballarò vorbei, kehre immer wieder in das alte Armenviertel La Kalsa zurück und schaue den Handwerkern zu. Nicht viel ist geblieben von der Zeit der arabischen Emire, die im 9. und 10. Jahrhundert Palermo mit 200000 Einwohnern zur islamischen Großstadt machten. Allerdings muss ich aufpassen, dass mich meine nostalgischen Anwandlungen nicht blind für die Moderne machen. Als der kleine Bäcker nebenan morgens um 9 Uhr immer noch kein frisches Brot gebacken hat, gehe ich zum nahen Supermarkt Lidl (!) und hole mir in diesem schwäbischen Unternehmen mit allerdings sizilianischem Schlendrian frische Lebensmittel.

 

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