Ohne Kirche am Grab

Trauerfeier für eine sozialdemokratische Bekannte, die aus der Kirche ausgetreten ist. Sie wollte, dass ich die Feier gestalte. Sie wusste aber, von einer Kuh kann man nur Milch erwarten und von einem Pfarrer nur das Evangelium. Ihre Erben sind unkirchlich, die meisten Anwesenden aber eher pietistisch. Was<sagt man da? Nach einer ausführlichen Würdigung ihres Lebens spreche ich bewusst als Theologe:

„Wir haben seinerzeit natürlich viel über die Rolle der Kirchen – man muss ja immer in der Mehrzahl denken und kann nicht von den Quäkern bis zu den Orthodoxen alle in einen Topf werfen! –  in der Geschichte diskutiert. Sie ließ sich selten umstimmen, obwohl ihr Geschichtsbild m.E. einseitig war. Sie ignorierte oft die vielen positiven Engagements, etwa im Kampf gegen die Nazis oder später in der DDR gegen die Stalinisten.

Einig waren wir uns aber im Kampf für mehr Gerechtigkeit in der Welt. Schließlich hat die evangelische Kirche „Brot für die Welt“ schon gegründet als die Politik noch kolonialistisch dachte.

Es wäre spannend gewesen, wenn sie die Sitte der Herrnhuter übernommen hätte, die jedes Gemeindeglied bitten, einen eigenen Lebenslauf zu schreiben. Der wird dann bei Beerdigungen verlesen. Er zwingt jedes Mitglied, sich beizeiten Gedanken zu machen, was man geistig der Nachwelt vermitteln möchte, was einem im Leben wichtig gewesen ist. Es ist immer auch eine Übung der Selbsterforschung. Denn dann kann man schlecht ausweichen. Es interessiert nicht mehr die Frage, was andere gemacht haben, was „die“ Kirche gemacht hat, sondern nun sind wir gefragt, was wir mit unserem Leben angestellt haben.

Das gilt ja auch für uns hier. Eine oder einer von uns wird die oder der nächste sein, der gehen muss. Und es geht durchaus nicht immer der Reihe nach. Auch junge Menschen sterben.

So tröstlich es ist, wenn wir die Verstorbene im Herzen bewahren, so muss doch klar sein, dass auch unser Herz stirbt. Unser Bild und unsere Erinnerung ist wie alles Menschliche begrenzt.

Darum schauen wir Christen bei einer Beerdigung nicht nur zurück, sondern auch nach vorn: Wer oder was kommt? Der Materialismus sagt: Nichts! Es ist aus! Doch Menschen konnten sich damit nie abfinden. Darum entstehen in allen Völkern Religionen. Echter Atheismus ist sehr heroisch und darum selten. Die meisten suchen sich  eine Ersatz-Religion. Die Verstorbene wusste: ich stehe für die evangelische Konfession, die für mich am besten Grundvertrauen, Freiheit und soziales Engagement verbindet.

Ich sagte eingangs, dass wir nur Puzzleteile, Fragmente des Bildes eines Menschen kennen. Übrigens kennen wir auch gerade als Wissenschaftsmenschen immer nur Ausschnitte und nie „das Ganze“. Das Ganze kann nur ein Allwissender, eben Gott ansehen. Tatsächlich meint die mythologische Lehre vom „Jüngsten Gericht“, dass die Teile unseres Lebens wieder zu einem Ganzen gefügt werden. Es meint nicht – wie man im Mittelalter vor Martin Luther meinte – dass wir hingerichtet werden, sondern wir werden aufgerichtet.

Ich weiß nicht, was sich ihre Eltern bei der Taufe dachten. Fakt aber ist: Lydia trägt den Namen der ersten Christin in Europa. Wer die Bibel kennt, der erinnert sich an den Abschnitt aus der Apostelgeschichte. Der Apostel Paulus steht am Ufer Kleinasiens, wo heutzutage in der Türkei viele Flüchtlinge auf eine Überfahrt nach Europa hoffen. Im Traum hat er die Stimme eines Mazedoniers gehört: „Komm herüber und hilf uns.“ So begründet sich Mission. Paulus und seine Mitarbeiter setzen über und kommen nach Philippi.

Paulus geht nicht in den Tempel zu den Männern, sondern an eine Gebetsstätte, wo sich Frauen am Fluss versammeln. Diese galten in der römisch-griechischen Antike nichts, wurden wie Vieh angesehen. Doch eine starke Frau hatte ein Geschäft mit Purpur aufgemacht und war reich geworden: Lydia. Es heißt über sie:  „Gott tat ihr das Herz auf, so dass sie bereitwillig auf die Worte des Paulus acht gab.“ Was waren das für Worte? Religion hatten in der Antike Juden und Griechen. Juden hofften, durch Beachtung der Tora-Gebote in die kommende Welt einzugehen. Griechen glaubten an die Unsterblichkeit der Seele und betrachteten den Körper als Gefängnis.

Religion brauchte Paulus nicht zu bringen. Er hat es später im Brief an die Philipper noch einmal aufgeschrieben. Nachdem er ausführt, wie Christen mit Liebe die Welt verändern können, wird er sogar scharf gegen Leute, die nur einen Gott kennen: „ihren Bauch“. „Wichtig ist ihnen allein, was man sehen und greifen kann.“ Aber das ist eben nicht die ganze Wirklichkeit. Darum verkündet Paulus: „Wir gehören am Ende nicht mehr auf die Erde. Wir sind Bürger des himmlischen Reiches. Von dort erwarten wir den, der uns rettet, unseren Herrn Jesus Christus, der unsere arme und elende Menschengestalt verwandeln wird. Er wird ihr die neue Schönheit des himmlischen Menschen geben, so dass wir ihm gleich sind.“ Phil.3,20.

Und die Konsequenz für dieses Leben? Die beschreibt Paulus in Kapitel 4: „Freut euch, die ihr in Christus lebt, allezeit. Und noch einmal sage ich: Freut euch! Eure Güte mache allen Menschen Freude…Und der Friede Gottes, der so viel stärker ist, als unsere Gedanken verstehen, sei ein Schutzwall, eine Wacht, um eure Herzen und Gedanken, damit nichts und niemand euch von Jesus Christus trenne.“

So schreibt Paulus der Lydia und anderen der Gemeinde von Philippi. Wenn wir wollen, schreibt er das auch uns. Ein Wort, mit dem wir nicht  nur leben können. Sondern auch getrost sterben.“

Wir schließen die Trauerfeier mit dem gemeinsam gesprochenen Vaterunser und dem aaronitischen Segen.

 

 

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