Theologisches Wissen

Als Wissenschaftspublizist und Sachbuchautor veröffentlichte Martin Urban mehrere erfolgreiche Titel zu theologischen, philosophischen und psychologischen Themen. In seinem neuesten Buch „Ach Gott, die Kirche! – Protestantischer Fundamentalismus und 500 Jahre Reformation“ kritisiert er alles, was er für rückwärtsgewandt hält.

Die Kirche rutscht ab in den Fundamentalismus, indem sie die Erkenntnisse der Wissenschaften – die Theologie eingeschlossen – nicht beachtet, die der Naturwissenschaften nicht versteht und auf archaischen Vorstellungen beharrt, die bereits seit hundert Jahren zumindest theologisch angezweifelt werden… . Bisher haben insbesondere die historisch-kritischen Forscher Angst die Dinge auszusprechen.“

Starker Tobak! Allerdings wenig originell. „Kirchen-Bashing“ in Medien wird allmählich Mode. Als jemand, der vierzehn Jahre in einer evangelischen Bildungsanstalt gearbeitet hat, finde ich die Vorwürfe ziemlich unbegründet. Nun sagen manche: „Ja, die Evangelischen Akademien oder Kirchentage – das sind eben die Ausnahmen.“ Ein ahnungsloser Vorwurf von Leuten, die die Kirche nur aus den Medien kennen. Ich gehe am Sonntag zum Gottesdienst nach Pfrondorf. Der Tübinger Neutestamentler Michael Tilly hält eine „Lehrpredigt“ zum Thema „Jesus – was wissen wir wirklich?“ Das klingt nach einer Illustriertenschlagzeile. Er schreibt ja auch für „P.M. History“ (Heft 3 / 2016).

Tatsächlich hören wir aber einen ausführlichen Überblick der Jesus-Forschung von Reimarus im 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Noch immer passt die Erkenntnis Albert Schweitzers in seiner „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“, dass die meisten Forscher ein Bild Jesu malen, das ihrem Spiegel-Bild entspricht. Der Sozialist findet einen sozialistischen Jesus, der Mystiker einen mystischen usw.

Nach einer ganz radikalen Sicht im 19. Jahrhundert, als man bezweifelte, ob Jesus überhaupt gelebt hat, nähern sich die heutigen Forscher wieder stärker der Sicht der Evangelien an. Es gilt auch nicht mehr das Kriterium meines Lehrers Ernst Käsemann, der nur für echt jesuanisch hielt, was weder jüdisch noch kirchlich ist. Mir hat das damals schon nicht eingeleuchtet. Warum sollte ein jüdischer Wanderrabbiner nicht aus der jüdischen Überlieferung schöpfen? Und warum sollte die ersten Christen komplett andere Überzeugungen vertreten als Jesus, dem sie nachfolgen wollen? Ich zucke allerdings zusammen als Professor Tilly die Überzeugung meines berühmten Lehrers zum „Unfug“ erklärt. So ändern sich die Zeiten!

Eine Biografie können die heutigen Forscher nicht schreiben, aber wir wissen mehr über die sozialen und politischen Zustände der Umwelt Jesu. Auf diese Weise bewahrheiten sich viele seiner Worte und Handlungen.

Zu meiner Überraschung kann Professor Tilly auch den Wundergeschichten mehr abgewinnen als frühere Exegeten. Er spricht von einer „kulturellen Enzyklopädie“, die die historischen Vorstellungen begreifbar machen. Er erwähnt Erfahrungen aus Afrika, wo „Wunderheilungen und Exorzismen funktionieren“. Als ich im Nachgespräch nachfrage, erzählt er mir von Erfahrungen in Ghana, die den meinigen in Tansania entsprechen. Gern hätte ich mit ihm weiter diskutiert.Auf alle Fälle ist mir wieder klar, dass unser Weltbild ein zeitlich und regional beschränktes ist.

Die Pfrondorfer sind übrigens theologische Kritik gewohnt. In den siebziger Jahren pilgerten Studenten dorthin, um Dr. Heinrich Buhr zu hören. Der war ein radikaler Aufklärer der Bultmann-Schule.

Tja, es zeigt sich mal wieder: Kritischer müssten Theologiekritiker wie Martin Urban sein.

 

 

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