Paul Tillich über Frieden

Normalerweise wiederhole ich keine alten Predigten. Heute habe ich es aus Zeitnot in der Albert-Schweitzer-Kirche (natürlich aktualisiert und verändert) doch getan. Sie hat mir vor allem wegen der Zitate von Paul Tillich gefallen, die mir prophetisch erscheinen. Ursprünglich hatte ich die Ansprache am 22.4.2006 anlässlich der Tagung „Wider den Fundamentalismus“ (mit der Deutschen Paul-Tillich-Gesellschaft) in der Evangelischen Akademie  Bad Boll gehalten.

Joh.14,27 : „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“

Dieser Bibelvers wird traditionell in Württemberg als Segensspruch am Grab gesprochen. Als ich als Vikar meinen Ausbildungspfarrer zur ersten Beerdigung auf den Tübinger Bergfriedhof begleitete, zögerte er bei der Segenszeremonie am Grab etwas. Nach dem ersten Satz platzten zwei Kanonenschüsse vom nahe gelegenen Truppenübungsplatz in die Stille. Mit großer Armbewegung wies er bei den Worten „nicht wie die Welt gibt“ in die Richtung der französischen Panzer. Ich fand das sehr eindrucksvoll. Später gestand er mir, dass mit solchen Übungsschüssen zu rechnen sei und er öfter diese Demonstration bewusst einsetze. Er warte geradezu darauf.

Ich mag eigentlich nicht den Missbrauch der Liturgie für politische Zwecke, schon gar nicht, wenn Menschen in Trauer damit überrascht werden. Ich frage mich auch, ob denn nur die Panzer im neutestamentlichen Sinne „Welt“ seien und nicht auch der Pfarrer bei einer Amtshandlung.

Zweifellos hat es in der Geschichte der Kirche eine Tendenz gegeben, den politischen Frieden der Obrigkeit zu überlassen, die ihn durch Macht erzwingen wollte. Bewusste Christen haben sich oft davon angewidert zurückgezogen und auf den Frieden der Seele, wenn nicht gar auf den Frieden im Jenseits beschränkt. Deswegen hat dieser Vers wohl seinen liturgischen Platz bei Beerdigungen bekommen.

Doch auch der Christus des Johannesevangeliums steht in der jüdischen Tradition und bleibt also der Erde treu. Wenn auch dort aufgrund übler Erfahrungen die „Welt“ fast zum feindlichen Widerpart Gottes und damit der Christen wird, in der sie Anfeindungen und Verfolgungen erleben, so gilt doch: „Denn also hat Gott die Welt geliebt…“  (Joh. 3,16)

Weil Gott die Welt liebt, treten wir Christen  für den Frieden ein. Da sind wir alle einig. Doch mit oder ohne Panzer – das ist weiterhin strittig. Diese Frage beschäftigt nicht zuletzt diese Akademie von Anfang an.

Es ist bekannt, dass sich Paul Tillich der Frage nach dem Frieden immer wieder gestellt hat. Am 18.2.1965, also ziemlich am Ende seines Lebens, hält er eine Rede anlässlich der Konferenz „Pacem in Terris“ in New York. Er würdigt zunächst die Enzyklika von Papst Johannes XXIII., fügt aber etliche kritische Bemerkungen an, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Er sieht, dass „es große Kulturgruppen gibt, … für die die Würde des Menschen kein letztes Prinzip ist. Nur eine längere gegenseitige Beeinflussung, in der der Westen geben wie nehmen müsste, könnte diese Situation ändern. Das sollte …von Versuchen abhalten…Freiheit und Gleichberechtigung gegen Menschen mit anderen Prinzipien gewaltsam durchzusetzen.“  Damit hat der das interkulturelle Problem gesehen, dass nicht alle unter Frieden das gleiche verstehen. Als zweites Problem sieht er die Gerechtigkeit, die dem Frieden zugrunde liegen muss, den Frieden aber auch gefährdet: „Nichts ist bezeichnender für die tragische Seite des Lebens als die Tatsache, dass im Kampf um Gerechtigkeit Ungerechtigkeit unvermeidbar ist.“ Darum vermisst er „eine klare Stellung zur Zweideutigkeit der Macht, ohne die es unmöglich ist, das Problem des Friedens realistisch zu behandeln.“ Man wollte diese Problem mit der Vorstellung vom „gerechten Krieg“ lösen, was Tillich für obsolet hält: „Nur für geringere Konflikte hat der alte Begriff noch Bedeutung und wird vielleicht zu einer Art Weltpolizei führen. Aber ein Konflikt zwischen denen, die solch einer Weltpolizei Macht und Autorität verleihen, wäre in dieser Weise nicht zu lösen.“ Viertens sieht er, dass  man an Regierungen nicht die gleichen Forderungen stellen kann wie an Individuen. Diese können sich notfalls für ihre Ideale opfern, aber eine Regierung kann das nicht mit der Bevölkerung tun. Aber sie kann eine gewisse Selbstbeschränkung erreichen, wenn sie das Problem des Prestiges löst. Oft geht es ja nicht einmal um Interessen, sondern um Ehre und Prestige, um „das Gesicht wahren“.

Schließlich kann man sich nicht  nur „an die Menschen guten Willens“ richten, sondern: „Man sollte sich an alle Menschen wenden in der Erkenntnis, dass in dem besten Willen ein Element des bösen Willens enthalten ist und in dem bösesten Willen ein Element des guten Willens.“

Als guter Philosoph unterscheidet Tillich echte Hoffnungen von utopischen Erwartungen. Die Bibel ist ja immer wieder ein Buch auch der zerbrochenen und wieder erneuerten Hoffnung. Nicht zuletzt die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Faschismus und Stalinismus gibt Anlass zur Skepsis. „Eine echte Hoffnung gründet sich darauf, dass etwas von dem, auf das man hofft, schon gegenwärtig ist, so wie in dem Samen etwas von der künftigen Pflanze gegenwärtig ist, während utopische Erwartungen keine Grundlage im Gegenwärtigen haben.“

Die atomare Bedrohung bringt immerhin feindlichen Gruppen zum Bewusstsein, dass es eine Menschheit mit gemeinsamem Schicksal gibt. Sodann zwingt die technische Zusammenarbeit zu größeren Einheiten. Eine Hoffnung bieten auch kulturelle und religiöse Bindungen über Grenzen hinweg, nicht zuletzt „gesetzliche Organisationen“, worunter man wohl die UNO  verstehen darf. Letztlich braucht es aber den „Eros der Gemeinschaft“, ohne den eine Weltgemeinschaft nicht möglich ist. „Er transzendiert sowohl Interessen wie Gesetze. Jeder Ausdruck eines solchen Eros berechtigt zur Hoffnung auf Frieden, jede Ablehnung eines solchen Eros verringert die Aussichten auf Frieden.“

Es gibt kein Ende der Geschichte des Unfriedens oder die völlige Herrschaft von Gerechtigkeit und Frieden, wenn nicht das Reich Gottes in die Geschichte  einbricht und die zerstörenden Strukturen der Existenz überwindet.

„Das bedeutet, dass wir auf keinen Endzustand der Gerechtigkeit und des Friedens innerhalb der Geschichte hoffen dürfen. Wir können aber auf Teilsiege über die Mächte des Bösen in einem besonderen Augenblick der Geschichte hoffen.“

„Meinen Frieden gebe ich euch“ –  das ist doch das „Reich Gottes“, das Christus uns verheißt. Nicht nur für den Friedhof, das Jenseits, sondern für die Veränderung im Diesseits. Wie schön, wenn die Kirche eine Gemeinschaft des Eros ist!

„Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt“ – der Drohfriede ohne Gerechtigkeit, die Tricksereien und Lügen der Machthaber und Ideologen. Die Gewalt der großen und kleinen Terroristen.

Darum trotz schrecklicher Nachrichten: „Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht“

(alle Zitate aus: Paul Tillich, Probleme des Friedens, in: Impressionen und Reflexionen, Ges.Werke XIII, Stuttgart 1972, S.436-443.)

 

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