Nachösterliche Spätlese

Der Chefredakteur unserer Lokalzeitung schreibt in seinem österlichen Leitartikel gegen “Kulturarme Religionsbanausen” Terry Eagleton zitierend: „Glaubenslosigkeit gehört zur Routine des fortgeschrittenen Kapitalismus“. Seinen eigenen Redakteuren fällt zum Osterfest aber nur die übliche Eier- und Hasen-Geschichte ein. Die interviewten Kinder wissen aber immerhin: „Jesus tut ja nur Gutes und Gott will eben, dass er den Menschen weiter hilft.“ Früher wurde in der Universitätsstadt wenigstens einer der zahlreichen Theologieprofessoren um einen Artikel gebeten. Diesmal muss das knappe „Wort zum Sonntag“ eines Pfarrers genügen.

Schaue ich nach Ostern in die Meldungen, was vielleicht so in den Kirchen gepredigt wurde, ist wieder Fehlanzeige. Journalisten gehen nicht gern in Gottesdienste.  Sie begnügen sich mit Agenturmeldungen und Bischofszitaten, die eher politische Statements zulasten der theologischen Aussagen  enthalten. Dabei sind die Predigten, die ich gehört habe, allemal substantieller als die Bürgermeister- Vereinsvorstände- oder Unternehmerreden, die unsere Zeitung sonst so würdigt. Ausgenommen ist die klassische Kirchenmusik, wo durchaus erwähnt wird, dass etwa am Karfreitag eine Passionsmusik (bis auf die Orgelbank!) überfüllt war. Doch da begnügen sich die Pfarrer auf liturgische Formeln. Eine „Drei-Minuten-Predigt“ wäre m.E. nicht zu viel, damit das Publikum merkt, dass sich seit Pergolesi theologisch einiges getan hat. Doch es gibt eine erfreuliche Ausnahme: Im Familiengottesdienst der reformfreudigen Jakobuskirche gab es zu Ostern eine kleine Tanzperformance. („Wenn der Tod nicht das letzte Wort habe über das Leben, komme etwas in Bewegung.“)

Ich gebe zu, es ist leichter am Karfreitag zu klagen als am Ostertag zu jubeln. Mich hat eine bisher nicht bestätigte Meldung über die Kreuzigung eines Paters im Jemen besonders erschüttert, die seltsamerweise bei so viel Syrien-Griechenland-etc- Tragödien untergegangen ist.

Die Informationen über die  Kreuzigung des Priesters stammten aus dem Umfeld der Mutter-Teresa-Schwestern in der jemenitischen Hauptstadt Aden. Die mit den Schwestern in engem Kontakt stehende Gebetsgemeinschaft „Corpus Christi Dubai“ hat die Kreuzigung des Priesters auf ihrer arabischen Internetseite gemeldet. Die Gebetsgemeinschaft wiederum berief sich auf Informationen des katholischen Erzbischofs der indischen Stadt Bangalore. Bewaffnete Jihadisten hatten Pater Thomas Uzhunnalil (56) Anfang März im Zuge eines Blutbades, das sie in einem von Mutter-Teresa-Schwestern betriebenen Seniorenheim in Aden anrichteten, als Geisel genommen. Der aus Indien stammende Salesianer Don Boscos soll in der Kapelle gebetet haben, als die Islamisten das Gebäude stürmten. Bei dem blutigen Anschlag auf das Heim waren am 4. März 16 Menschen gezielt getötet worden, allesamt christliche Nonnen und christliches Pflegepersonal, das einheimische Jemeniten dort betreute. Die Bluttat habe in ganz Aden „Entsetzen und Trauer“ ausgelöst. Die Mutter-Teresa-Schwestern und ihre Arbeit seien in Aden hochgeschätzt worden.

Eine erfreuliche Äußerung, wenn auch in einer von mir nicht geschätzten Zeitung, stammt von der Bischöfin a.D. Margot Käßmann. Sie plädiert dafür, auf Terrorakte wie in Brüssel nicht mit Gewalt und Hass zu reagieren. Der Staat müsse seine Bürger schützen – dürfe das aber nicht auf Kosten der offenen Gesellschaft tun.  „Jesus hat eine Herausforderung hinterlassen: Liebet eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen!“, sagte Käßmann der „Bild am Sonntag“. „Für Terroristen, die meinen, dass Menschen im Namen Gottes töten dürfen, ist das die größte Provokation. Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Beten und Liebe zu begegnen.“ Zwar sei es der menschliche Instinkt, Rache zu üben, „aber auf den Hass nicht mit Hass zu antworten, das ist die Herausforderung. Die größten Persönlichkeiten in der Geschichte sind nicht Stalin, Hitler oder Pol Pot, sondern Martin Luther King, Mahatma Ghandi oder Aung San Suu Kyi, die nicht mit Gewalt reagierten. Als Christin bin ich fest davon überzeugt, dass, wer den Kreislauf der Gewalt durchbricht, am Ende der Mächtigere ist. Jesus wurde unvergesslich, weil er am Kreuz starb und nicht zum Schwert griff.“ Zugleich warnte Käßmann davor, die Werte der offenen Gesellschaft im Kampf gegen den Terror aufzugeben. „Ja, der Staat muss seine Bürger schützen…Aber was wir in Europa an Freiheit erreicht haben, das sollte der Staat nicht durch Terroristen einschränken lassen.“  Sie plädierte dafür, sich vom Terror nicht einschüchtern zu lassen. „Wir sollten jetzt erst recht auf die Straße gehen, tanzen, in den Cafés sitzen und Fußballspiele nicht absagen… „Damit zeigen wir den Terroristen: Wir lassen uns von euch nicht Angst machen! Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen.“

Wie bei jeder profilierten Äußerung folgt eine aufgeregte Debatte. Einer besonders üblen Stellungnahme von Thomas Rietzschel habe ich öffentlich widersprochen. Denn dem ehemaligen „Kulturkorrespondenten“ der FAZ  geht es nicht um Argumente, sondern um die Zerstörung einer Persönlichkeit. Hat er – geboren 1951 bei Dresden – das  in der DDR gelernt? „Vom Kanzel-Luder der Nation…SM macht sie an… die verrentete Bischöfin …tolle Margot nun mit der Offenbarung ihrer sadomasochistischen Visionen … protestantische Domina“. Ich schrieb dem Autor: „Ein selten dämlicher und gehässiger Kommentar, der bewusst missverstehen will.“ Ich hätte hinzufügen sollen, dass sein frauenfeindlicher Hintergrund nicht zu übersehen ist.

Vielleicht hätte Margot Käßmann in ihrem Beitrag erwähnen können, dass „Entfeindung“ nach der Bergpredigt Jesu ein durchaus rationales zukunftsstiftendes Projekt ist, nachdem bereits viele Friedensstifter arbeiten.

 

 

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