Palmsonntag ohne Palmen

Vom Palmsonntag merken wir in diesem Gottesdienst in Pfrondorf nicht viel, in dem es um „Gott und Gehirn“ gehen soll. Die evangelische Kirche strahlt vor Nüchternheit. In vielen Gemeinden, nicht nur katholischen, wird „der Einzug nach Jerusalem“ am Palmsonntag regelrecht aufgeführt, etwa in Rottenburg mit einer großen Prozession. Da zeigt sich dann der ganze klerikale Hofstaat vom Bischof, über die Domherren bis zum Ministranten. Doch der Bischof kommt natürlich nicht auf einem Drahtesel, er bevorzugt wie die Herren dieser Welt die große Karosse mit dem berühmten Stern…Nemand streut in Pfrondorf Palmen aus. Aber wir singen – leider nur die üblichen drei schwäbischen „Sparstrophen“ – das Lied „Dein König kommt in niedern Hüllen“ EG 14. Es gilt als Adventslied. Ich erinnere mich, dass ich über das ganze Lied meine letzte Predigt in der Evangelischen Akademie Bad Boll gehalten habe. Ich sagte u.a.: „Es ist das einzige Gedicht von Friedrich Rückert, das sich in unserem Gesangbuch findet, ein Dichter,  der weithin vergessen ist, obwohl ihn die Zeitgenossen mit Goethe und Schiller auf eine Stufe stellten. Geboren wurde er 1788 in Schweinfurt. Er war zunächst Jurist, dann Altphilologe, verstand sich aber vor allem als Dichter. Seine Arbeit als Privatdozent vernachlässigte er und lebte von seinen Dichtungen. Das reichte allerdings nicht, als er heiraten wollte und später eine Familie zu ernähren hatte. Selbst Gesuche an Verwaltungen gab er mitunter als Sonette ein und ärgerte sich als eine Übersetzung aus dem Arabischen als Bewerbung für die Universität gedacht von einem Hofbeamten für indische Literatur gehalten wurde. Seine Sprachbegabung war legendär, er beherrschte über vierzig Sprachen, darunter aserisch, aethiopisch, arabisch, und altkirchensklavisch etc.

Er hat bis heute die poetischste Übersetzung des Koran geliefert und eine lyrische Geschichte des Islam verfasst. In seiner Weite ist er uns noch heute voraus, wenn er über Mohammed dichtet: „Wenn wir erwägen Zeit und Ort, wo jeder steht,/ So darf uns gelten auch Mohammed als Prophet.“ Über den Nahen Osten, den er nie besuchen konnte, richtete sich sein Blick nach China und Indien. Er beherrschte Sanskrit, übersetzte die Veden und hat sich mit den fernöstlichen Religionen befasst. In der „Weisheit des Brahmanen“ besingt er den Frieden der Religionen. Einer, der so offen auf andere Religionen zugeht, war (und ist) suspekt. Da er auch Altes Testament zu lehren hatte, blockierten die Theologen seine Berufung an die Universität Erlangen mit allerlei fadenscheinigen Argumenten jahrelang. Dabei hat er ein Buch über die hebräischen Propheten herausgegeben und auch über „das Leben Jesu“ geschrieben. Irgendwann wurde es dem bayrischen König Ludwig I., der ja auch Kirchenoberhaupt war, zu dumm, und er bestellte den Kreisschulrat Georg Wilhelm Nehr, der einigermaßen Hebräisch verstand. Da beeilten sich dann die blamierten Theologieprofessoren und stimmten Rückerts Berufung zu. Er war bald der Star der Universität. Das Genie in der Forschung hatte aber weniger Lust zur Lehre. Es war ihm gerade recht, wenn nur vier bis fünf Studenten kamen. Dann konnte er seine Seminare im Wohnzimmer abhalten. So machte er es auch, als er an die Humboldtuniversität nach Berlin berufen wurde. Noch lieber lebte er auf dem Land bei Coburg in Neuses, wo er 1866 starb.

Er war übrigens ein fleißiger Kirchgänger. Leider weiß ich nicht die näheren Umstände, die zu diesem Lied führten. Die Bibel kannte er so gut und das Neue Testament fast auswendig, dass er eine asiatische Sprache, für die es kein Lehrbuch und keine Grammatik wohl aber ein Neues Testament gab, so lernte, dass er den unbekannten Text mit dem griechischen NT verglich.

Als Weihnachten 1833 sechs seiner Kinder – insgesamt hatte er zehn -an Scharlach erkrankten und zwei jüngere Kinder starben, schrieb er ein halbes tausend „Kindertotenlieder“, von denen einige durch die Vertonungen Gustav Mahlers bekannt sind. Dies war ungefähr die Zeit, da auch unser Lied 1834 entstand…

In vielen Gemeinden, nicht nur katholischen, wird „der Einzug nach Jerusalem“ am Palmsonntag regelrecht aufgeführt, etwa in Rottenburg mit einer großen Prozession. Da zeigt sich dann der ganze klerikale Hofstaat vom Bischof, über die Domherren bis zum Ministranten. Doch der Bischof kommt natürlich nicht auf einem Drahtesel, er bevorzugt wie die Herren dieser Welt die große Karosse mit dem berühmten Stern…

Rückert betont die „Friedenspalmen“. Im Urtext sind es nur Zweige von den Bäumen.* Und von Maien ist die Rede. Aber das war Gustav Schwab wohl zu katholisch und sie revidierten den Text. Wer schon mal Zweige von Palmen abreißen wollte, weiß, dass dies schier unmöglich ist. Da muss man schon ein Buschmesser nehmen. Aber die „Friedenspalme“ wird zum Symbol, dass wir etwas einbringen müssen, damit Christus zu uns kommen kann. Wir brauchen die Gesinnung des Friedens, sonst kommt er nicht. Diesen Gedanken betont Friedrich Rückert immer wieder, auch in den nächsten Strophen. Da heißt es: „Die Herren der Erde wollen den Weg des Friedefürsten versperren.“ Die königlichen Kirchenbehörden legten die Sache in die Vergangenheit: „Es wollten dir der Erde Herren…“ Erst in der Demokratie kam die Urfassung zurück.

In jungen Jahren hatte Rückert „Geharnischte Sonette“ für den Widerstand gegen Napoleon geschrieben und gar den Guerillakrieg, den Landsturm besungen. Wie er das mit dem Friedefürsten zusammenbringt, weiß ich nicht, vermute aber als Begründung die problematische lutherische „Zwei-Reiche-Lehre“. Frieden nur im Biedermeier-Herzen, aber in der Politik die (angeblichen!) Machtzwänge

Ich jedenfalls bringe den Friedefürsten nicht zusammen mit Gewaltpolitik und halte es auch im öffentlichen Raum mit einer Macht, die ohne Schlachten auskommt. Friedensarbeit scheint mir die beste Vorbereitung auf das Fest zu sein. Ich erwarte keinen ewigen Frieden, der einfach vom Himmel fällt, aber einen Frieden, der vom Himmel ausgeht und unter uns Gestalt annehmen kann. Kriege brechen nicht aus wie Vulkane. Sie werden von Menschen vorbereitet und durchgeführt, also können sie auch von Menschen verhindert werden. Die Vision des Jesaja in Strophe 2 beflügelt uns, auch nach der Dekade „Gewalt überwinden“ in unseren Bemühungen nicht nachzulassen.

  1. 2. O mächt’ger Herrscher ohne Heere,
    gewalt’ger Kämpfer ohne Speere,
    o Friedefürst von großer Macht!
    Es wollen dir der Erde Herren
    den Weg zu deinem Throne sperren,
    doch du gewinnst ihn ohne Schlacht.

    3. Dein Reich ist nicht von dieser Erden,
    doch aller Erde Reiche werden
    dem, das du gründest, untertan.
    Bewaffnet mit des Glaubens Worten
    zieht deine Schar nach allen Orten
    der Welt hinaus und macht dir Bahn.

    4. Und wo du kommst herangezogen,
    da ebnen sich des Meeres Wogen,
    es schweigt der Sturm, von dir bedroht.
    Du kommst, daß auf empörter Erde
    der neue Bund gestiftet werde,
    und schlägst in Fessel Sünd und Tod.

Die angetönte Geschichte von der Sturmstillung sollte bekannt sein. Wir wissen, dass es dabei nicht um ein Mirakel geht, sondern um eine Geschichte mit tiefer Symbolkraft. Der Sturm symbolisiert das Bedrohliche im Leben, die Gefährdungen, die uns umgeben. Noch deutlicher wird das in der Geschichte vom sinkenden Petrus. Als er den starken Wind sah, erschrak er und beginnt zu sinken. Jesus aber streckt die Hand nach ihm aus und rettet ihn. Glaube ist die Überwindung von Lebensangst. Man darf aber dann nicht auf die „Wellen“ der Probleme und Sorgen starren, sondern auf Christus, der diese Welt überwunden hat.

Angst umgibt viele Menschen. In einer Langzeitstudie über „Deutsche Zustände“, die der Soziologe Wilhelm Heitmeyer seinerzeit (jetzt mit der AFD noch übertroffen!) veröffentlichte, stellte sich heraus, dass fast 10 % der Bevölkerung rechtsextreme Einstellungen haben: Antisemitismus, Homophobie, Sexismus, Fremdenfeindlichkeit. Die vergangene Dekade nennt er „das entsicherte Jahrzehnt“, weil Zukunftsängste und politische Apathie zugenommen haben. Bis zu 20 % unserer Mitmenschen billigen Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele. Das gilt gerade auch für ältere Menschen. Der Koautor Professor Zick erklärt das „mit dem Statusübergang in die Rente“. Das sei eine große Verunsicherung. Viele bekommen das Gefühl, sie seien wertlos. Um sich dennoch zugehörig zu fühlen, wertet man die ab, die noch schwächer sind. Das ist eine düstere, aber belegte Darstellung der Gegenwart. Es ist keine Übertreibung, wenn Rückert dichtet: „Wir sind schwer verstört.“

Können wir dagegen Besseres erwarten? Sollen wir uns zurückziehen von dieser bösen Welt? Für eine vorübergehende Einkehr durchaus. Aber dann „zieht deine Schar nach allen Orten der Welt hinaus…“

Möglicherweise hat Rückert hier schon die beginnende Missionsbewegung im Auge gehabt oder intuitiv geahnt. Wir können uns kaum noch vorstellen, wie begeistert tatsächlich im 19. Jahrhundert die Christen hinausgezogen sind, um die Welt mit dem Evangelium zu beglücken. Heute ist Ernüchterung eingekehrt. Christlichen Imperialismus will niemand mehr. Aber von der Überzeugung will ich nicht lassen, dass die Liebe Gottes allen Menschen gilt, allen verkündet und vorgelebt werden soll.

Die restlichen beiden Strophen sind eigentlich ein Gebet.

  1. O Herr von großer Huld und Treue,
    o komme du auch jetzt aufs neue
    zu uns, die wir sind schwer verstört.
    Not ist es, dass du selbst hienieden
    kommst, zu erneuen deinen Frieden,
    dagegen sich die Welt empört.

    6. O lass dein Licht auf Erden siegen,
    die Macht der Finsternis erliegen
    und lösch der Zwietracht Glimmen aus,
    dass wir, die Völker und die Thronen,
    vereint als Brüder wieder wohnen
    in deines großen Vaters Haus.

„Die Völker“ des Orients hatte Rückert bei seinen Übersetzungen vor Augen. „Seine Frömmigkeit war gewiss nicht die seiner damaligen Kollegen in der Theologischen Fakultät und des offiziellen Kirchenchristentums, sondern die Weltfrömmigkeit eines Mannes, der in dem Vertrauen lebte, dass in seines Vaters Hause mehrere Wohnungen seien…Sein Gottvertrauen hat nichts Phrasenhaft-Frömmelndes an sich, sondern entstammt einer tiefen Ehrfurcht vor der gottgeschaffenen Welt und äußert sich immer wieder in einer gläubigen Ergebenheit in den Willen Gottes…“ (Helmut Prang, Friedrich Rückert, 1963, S.178)

„Die Macht der Finsternis“ soll zum Erliegen kommen. Das erwarten wir. Wir warten auf Christus wie wir auf Frieden warten, auf Blühen und Fruchtbarkeit der Erde, auf gelingende Beziehungen statt Zwietracht, auf eine geschwisterliche Menschheit. Es geht um „die Völker“, nicht um fromme Konventikel. Unser Warten heißt aber nicht, „die Hände in den Schoß legen“, der HERR wird’s schon richten. Da gefällt mir das schwäbisch-blumhardtsche „Warten und Pressieren“; alles zu seiner Zeit.“

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s