Beten für den Frieden

Aus meiner gestrigen Ansprache im  Shalom Gottesdienst

Im März 1981 – vor 35 Jahren – feierten wir in der Tübinger Jakobuskirche den ersten Shalom-Gottesdienst. Es ist erstaunlich, dass seitdem, wenn auch nicht mehr wöchentlich, so doch monatlich, sich nach wie vor Menschen zum Friedensgebet treffen.

Der wahre Anfang ist noch einige Jahre älter. 1975 fand in Nairobi eine Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen statt und gab die Empfehlung heraus, die Kirchen sollten auf den Schutz von Waffen verzichten. Normalerweise versanden solche Aufrufe in der kirchlichen Routine. Diesmal aber griffen in Württemberg einige den Ruf auf und gründeten die Aktion „Ohne Rüstung leben“.

Im gleichen Jahr trat ich als Ausbildungsvikar in den Dienst der württembergischen Landeskirche. Mit der Begeisterung des Anfängers versuchte ich, die Impulse von Nairobi umzusetzen – und merkte wie schwierig das ist. Als ich 1979 in Tübingen Studentenpfarrer wurde, begannen wir mit regelmäßigen Friedensgebeten. Das war die Zeit der Nachrüstungsdebatten, die Friedensbewegung nahm einen ungeheuren Aufschwung. Unsere Gottesdienste sollten anders als gewöhnlich sein: ökumenisch, nicht Pfarrer-zentriert, kreativer, von Gruppen begleitet und vorbereitet. Es sollte den damals zahlreichen Friedensgruppen eine spirituelle Basis geben. Deswegen die Anfangszeit 19 Uhr. Anschließend um 20 Uhr sollte man sich an die Arbeit machen bei Amnesty International, im Weltladen u.ä.– oder zumindest sich zusammensetzen zur Diskussion.

Anfangs war viel Zuspruch. Der Ost-West-Gegensatz machte Angst. Viele Gottesdienste füllten den großen Kirchenraum, nicht nur den Chor. Ich erinnere mich an viele Höhepunkte, auch mit Gastrednern aus der weltweiten Ökumene und darüber hinaus. Als damals Flüchtlinge kamen, gab es eine Prozession in die Kirche mit Muslimen und Hindus. Einmal kam ein amerikanisches Fernsehteam. Das bayrische TV-Team brachte unsere „politische Theologie“ tendenziös in die Ecke der „Deutschen Christen“. Dabei verstanden wir uns eher in der Tradition der Bekennenden Kirche. Bonhoeffer war und ist wohl der meistzitierte Kronzeuge.

Leider wurde nur wenig dokumentiert. Theologie- oder Liturgiereform war ja Nebensache, ein „Beiprodukt“. Wir wollten Frieden in der Welt erreichen.

Wie in einer Universitätsstadt üblich gab es einen bleibenden „Kern“ und viele kommende und wieder gehende Generationen. Ich selber verließ Tübingen 1986, um eine Dozentur an einem College in  Tansania zu übernehmen.

Nach der Wiedervereinigung, von der ich im fernen Tansania hörte, hoffte man auf eine Friedensdividende. In der Kirche war die Friedensbewegung einerseits angekommen, andererseits im volkskirchlichen Milieu gezähmt. In den 90iger Jahren verwirrte uns der Krieg in Jugoslawien und stellte unseren Pazifismus auf den Prüfstand. Man hatte es nun mit einer neuen Art von Krieg zu tun. Joschka Fischer gab „grünes Licht“ für einen zumindest völkerrechtlich fragwürdigen Angriffskrieg der NATO gegen Serbien. Dabei hatten „die Grünen“ pazifistische Wurzeln.

Konnte man noch gegen den späteren Krieg der USA in Irak und Afghanistan gute Gründe anführen, ist das  nun mit dem „IS“ viel schwieriger. Gestern lief in ARTE ein „Thementag“ über den Syrienkrieg bis 3 Uhr morgens. Ich dachte, ich muss zu Ehren der Opfer ausharren. Es war nur grausam und deprimierend. Sozusagen eine stundenlange Passonsgeschichte aus unserer Gegenwart.

Was tun? Da sind wir in der laufenden Debatte. Ein Patentrezept hat niemand. Ich kann nur mitarbeiten, die friedensgefährdenden Einflüsse aus Deutschland zu reduzieren. Das sind m.E. vor allem unsere Waffenexporte!

Hilft uns die Bibel dabei? Wohl nicht in der politischen Analyse. Da müssen wir selber denken so gut wir können und über Informationen verfügen. „Ohne Rüstung leben“ z.B. liefert die regelmäßig. Die Bibel hilft aber bei der Motivation und Zielfindung.

Wir wissen heute, dass Shalom nach der Bibel mehr ist als die Abwesenheit von Krieg. Frieden mit der Natur, Frieden in der Wirtschaft, aber auch existentieller Frieden für uns selber sind eins und gehören zusammen.

Wenn wir heute als Tageslosung ein Wort der altisraelitischen Weisheit hören, dann dürfen wir wissen, dass diese im Kontakt mit ihrer nichtjüdischen Umwelt stand. Ein knappes Wort kann man sich merken, es trägt durch den Tag und oft noch weiter.

Sprüche 3,29 Trachte nicht nach Bösem gegen deinen Nächsten, der arglos bei dir wohnt.

Das kommt wie ein harmloser Kalenderspruch daher. Aber es steckt Dynamik drin. Der „Nächste“, das kann man wörtlich nehmen. Die ganze Welt umarmen ist ein billiger Traum. Mit dem Nächsten klarkommen, kann unendlich schwierig sein.

Mir ist das neulich bewusst geworden, als wir in einem privaten Kreis Tolstois Briefen und Tagebücher gelesen haben. Leo Tolstoi gehört zu meinen geistigen Wegbegleitern. Ich liebe seine großen Romane und kleineren Erzählungen. Ich wusste von seinen Auseinandersetzungen mit der russischen orthodoxen Staatskirche und der zaristischen Politik. Was für ein Friedensfreund! Wie sehr angetan von der Bergpredigt! Inspirator für Gandhi und andere große Pazifisten. Und was für ein Scheusal seiner Frau und seiner Familie gegenüber. Ja sagen zur großen Bauernbefreiung, aber unfähig seine Angehörigen als „Nächste“ zu akzeptieren. Und wohl auch nicht angeleitet, die eigenen Schattenseiten zu sehen. Lange war ich von so großen Propheten begeistert. Aber man sollte sie nicht zum Guru machen und kritiklos verehren.

Als Lehrtext haben wir Galater 6,10: „Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann!“

Paulus, der wunderbare Sätze über die Liebe, die „nimmer aufhört“ schreiben konnte, konnte seine Gegner auch als „Hunde“ diffamieren. Ich stelle mir vor, dass er immer unter Strom stand und nicht immer auf der Höhe der eigenen ethischen Forderungen war. Aber er öffnet das Evangelium über die völkischen, nationalen Grenzen hinaus. Vielleicht dachte er nicht wirklich an „jedermann“, sondern nur an seine Gemeinden. Denn der Satz geht ja weiter, wie unsere pietistischen Freunde zu betonen pflegen: „…am meisten aber den Glaubensgenossen.“ Ja, liebe Friedensbewegte, auch die Pietisten sollen wir annehmen. Allerdings nicht alles übernehmen.

Man sagt aus humanistischen, kritischen Kreisen: „Das Christentum hat seine hohe Moral nur intern gepredigt und gelebt. Nur für die „drinnen“. Für die „draußen“ gilt Ablehnung, Gleichgültigkeit, womöglich Islamophobie und Hass. Wenn das so wäre, hätten wir das Evangelium nur halb verstanden. Aber wir haben es da mit einem ererbten Menschheitsübel zu tun. Jahrtausendelang haben Menschen geübt, ihr Horde zu verteidigen, ihren Clan und Stamm, später die Nation. Das ändert man nicht so schnell. Deswegen muss man daran arbeiten. Gerade nach diesen Landtagswahlen!

Immerhin heißt es „Brot für die Welt“ – und nicht „Brot für Christen“. So soll es auch heißen: Frieden für die Welt – und nicht Frieden nur für Deutschland.

 

 

 

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