Ich bin mal weg im Kino

In meiner Predigt letzten Sonntag habe ich einen Komiker zitiert. Manchmal haben Menschen unrealistische Erwartungen, als sei die Kirche schon der Himmel auf Erden, eine Gemeinschaft der Untadeligen. Nicht alle können das mit Humor nehmen wie Hape Kerkeling, der auf seiner Pilgertour nach Santiago Gott und die Kirche mit Kino vergleicht:

„Gott ist für mich so eine Art hervorragender Film wie „Gandhi“, mehrfach preisgekrönt und großartig! Und die Amtskirche ist lediglich das Dorfkino, in dem das Meisterwerk gezeigt wird. Die Projektionsfläche für Gott. Die Leinwand hängt leider schief, ist verknittert, vergilbt und hat Löcher. Die Lautsprecher knistern, manchmal fallen sie ganz aus oder man muss sich irgendwelche nervigen Durchsagen während der Vorführung anhören…Die Vorführung ist mies, doch ändert sie nichts an der Größe des Films.“ Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg, 5. Aufl.2009, S.186f.

Im Mai 2006 veröffentlichte Kerkeling sein Buch über seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg im Jahr 2001. Es wurden mehr als vier Millionen Exemplare gedruckt, eines der meistverkauften Sachbücher in Deutschland.

Das nun nicht mehr ganz neue Taschenbuch ist mir eher zufällig unter die Augen gekommen. Es hat mir gefallen. Letztes Jahr hat man es verfilmt. Ich finde, sehr gut. Jetzt läuft der Film unter dem gleichen Titel programmgemäß in meinem Lieblingskino. Flüchtlingskrise, Landessynode, Wahlkampf – ich bin jetzt mal weg mit Kerkeling.

Regisseurin Julia von Heinz hat zwei Gründe dafür gefunden, warum das Buch so erfolgreich ist: Zum einen gehe es um „Glauben neben der Kirche“, der viele Menschen umtreibe, zum anderen um Hape Kerkelings Haltung. „Sein Blick auf die Welt und die Menschen soll auch die Haltung meines Films sein“, so die junge Regisseurin. „Leicht, aber nicht oberflächlich – genau, aber nicht analytisch – durchschauend, aber dabei immer liebevoll.“
Neben den Gesprächen, die – wenn auch gekürzt – nahe am Buch bleiben, begeistern mich die Naturaufnahmen. Ich bin dort nie gepilgert, aber 1973 mit meinem R4 durch Nordspanien bis Santiago gefahren. Der Pilgerbetrieb hat mich, wie auch der damals noch sehr vorkonziliare spanische Katholizismus ehe abgestoßen. Das Massenpilgern unserer Tage kam erst später in Mode. Damals hielten sich Evangelische noch an das Augsburger Bekenntnis(CA20), das Wallfahrten verbietet. Heutzutage gehen ja ganze evangelische Gemeinden mit ihren Pfarrern auf Pilgerfahrt. Sogar die Linksprotestanten nennen ihre Aktivitäten „Pilgerreise für den Frieden“.

Kerkeling wählte für seine Wanderung den Camino Francés und musste sich wie alle Pilger mit den physischen und psychischen Anforderungen einer solchen Reise auseinandersetzen. Er lernt dabei nicht nur sich selbst und seinen Glauben als „Buddhist mit christlichem Überbau“, besser kennen, sondern trifft auch auf die verschiedensten Menschen, deren Charaktere er sehr plastisch beschreibt. Auf S. 20 geht es los mit der Frage „Wer ist Gott?“, die zu der anderen führt: „Wer bin ich?“ „Anscheinend weiß ich ja nicht mal so genau, wer ich selbst b in. Wie soll ich da herausfinden, wer Gott ist?“ S.22

Mit der Heiligen Schrift kommt er nicht klar, er liest sie kaum. „Kann es sein, dass die heiligen Schriften auf unserem Planeten komplizierte, schlecht ins Deutsche übersetzte Bedienungsanleitungen für einen hochwertigen japanischen DVD-Player sind?“ S.59

Im amüsant plaudernden Ton schildert Kerkeling seine Erfahrungen, die an manchen Stellen tiefsinnig werden, und reflektiert über den Sinn des Lebens. Jeder Tag schließt mit einer „Erkenntnis“.

Mit dem „klassischen“ christlichen Pilger sucht er keinen Kontakt, er schätzt sie als „nicht lernfähig“ ein ( „Die werden als die gleichen Menschen die Reise beenden, als die sie sie begonnen haben…“). Das ist zumindest einseitig. Es fällt auf, dass er den normal-katholischen Pilger nicht beachtet. Gottesdienste oder Andachten unterwegs werden nicht erwähnt, hat er wohl nicht besucht. Stattdessen ziehen ihn „Sonderlinge und Exoten“ an, er macht u. a. Erfahrungen mit einer heiratswilligen Südamerikanerin, einem sexlüsternen Mitwanderer, Spießern, Kirchenkritikern, Esoterikern und Spiritisten. Eine Frau meint, dass das Pilgern doch eigentlich die Sünde überwinden soll. „Manche aber gehen pilgern, um zu sündigen.“ (Das ist übrigens ein Grund für scharfe reformatorische Kritik an der mittelalterlichen Pilgerei gewesen.)

Besonders intensiv beschreibt Kerkeling die geschlossene Freundschaft mit der Engländerin Anne (im Film eine Journalistin) und der Neuseeländerin Sheelagh, denen Kerkeling im Prolog des Buches für die gemeinsamen Erfahrungen dankt. Offenkundig kann er recht entspannt mit ihnen zusammen sein, weil er homosexuell ist.

Kerkeling geht – nach bis dahin eher ungeplanten, aber regelmäßigen Treffen – ab dem 5. Juli 2001 gemeinsam mit diesen beiden Frauen auch den überwiegenden Teil des restlichen Pilgerweges bis Santiago, wo sie zum Abschluss der Reise noch fünf Tage zu dritt verweilen. Beide erhalten von Kerkeling dort als Abschieds- bzw. Erinnerungsgeschenk ein Silberglöckchen, zu dessen Bedeutung und verbindende Wirkung Kerkeling im Nachwort eine persönliche Anekdote erzählt.

2014 erschienen seine Memoiren „Der Junge muss an die frische Luft“ (Piper Verlag), in denen er viel aus seiner Kindheit im Ruhrgebiet erzählt. Da thematisiert Kerkeling ausführlicher den Suizid seiner Mutter. Er war damals acht Jahre alt. Ich denke, dass dieses schockierende Ereignis seine Frage nach Gott gefördert hat. Eine Zeitlang wollte er sogar evangelischer Pfarrer werden. Schade, dass er sich anders entschieden hat. Ein solcher „Amtsbruder“ hätte uns gut getan.

 

 

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