Im unheiligen Land

Wer in kirchlichen oder friedensbewegten Kreisen zum Thema Israel / Palästina spricht, kann ziemlich sicher mit Ärger rechnen. Denn es ist Parteinahme für die eine oder andere Seite gefragt.

Jahrelang habe ich Tagungen zum Frieden im Nahen Osten durchgeführt, aber zunehmend die Lust verloren, weil es nur wenigen um Erkenntnisse geht. Die meisten wollen bloß ihre Position gestärkt sehen. Schließlich gibt es für einen „Ökumeniker“, der in der ganzen Welt für eine gedeihliche Entwicklung eintritt, noch andere Brennpunkte. Und weil ich keine Lösung für den Nahost-Konflikt weiß, habe ich mich sehr früh anderen Regionen zugewandt. Derzeit haben wir sowieso mit den Flüchtlingen im eigenen Land genug zu tun.

Vor einer Woche habe ich mich aber doch wieder mit Israel/Palästina beschäftigt. In einem Literaturkreis stellte Katharina Wahl  ein Buch vor, das ich noch nicht kannte: Tuvia Tenenbom, Allein unter Juden – Eine Entdeckungsreise durch Israel, 2014.

Der Autor ist gebürtiger Israeli, lebt aber in New York als Journalist und Theatermacher. Er hat neben Mathematik auch Islamwissenschaft studiert und ein Rabbinerdiplom erworben. Er spricht perfekt viele Sprachen, sodass er für sein Buch in verschiedene Rollen schlüpfen kann. Auf diese Weise entlockt er seinen Gesprächspartnern Aussagen, die sie sonst verschweigen würden.
Hier schreibt ein Mensch, der sich nicht mit vorgegeben Sichtweisen und Sprachregelungen abspeisen lässt – und dabei seinen Humor behält. Israelis und Palästinenser kriegen ihr Fett ab, vor allem aber auch die vielen Deutschen, die sich in diversen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) engagieren. Ihnen unterstellt er durchweg unterschwelligen Antisemitismus. Leider findet er genügend Beispiele.

In Tenenboms Buch sind es besonders Mitarbeiter der NGOs, von Hilfsorganisationen und politischen Stiftungen, aber auch Dokumentarfilmer und Medien, die ein eindimensionales Israelbild verbreiten – weil sie die Darstellung der palästinensischen Seite viel zu selten infrage stellen, die israelische dagegen fast generell anzweifeln. Die Folge: eine einseitige Parteinahme als Verstärker israelkritischer Stimmung. Das trifft gerade auch kirchliche Gruppen. Die vielen Israel wohlgesonnenen Pilger und vernünftigen Freiwilligen etwa der „Aktion Sühnezeichen“ interviewt er nicht. Insgesamt muss ich ihm recht geben, dass die Präsenz der Christenheit im Land oft nur peinlich ist.

Allerdings verallgemeinert er seine Beobachtungen zu der Behauptung, dass Europa gegen das jüdische Israel eingestellt ist. Er unterschlägt vollkommen, wie viele EU-Gelder Israel zufließen, von wohlfeilen Waffengeschäften ganz zu schweigen. Allerdings reichen diese Mittel wohl nicht an die milliardenschwere Militärhilfe der USA heran. Keine Erwähnung ist es ihm wert, dass die Bundeskanzlerin das Existenzrecht Israels zur deutschen Staatsräson erklärt hat.

Abgesehen von solchen Einseitigkeiten lernt man Israel von einer Seite kennen, die dem schnellen Besucher verborgen bleibt. Manche fragwürdigen Verhaltensweisen führt er auf „jüdischen Selbsthass“ zurück. Ein Musterbeispiel erlebt Tenenbom ausgerechnet in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem. Ein sich selbst als „Ex-Jude“ vorstellender Reiseleiter ist im Rahmen einer von der EU finanzierten Bildungsreise mit einer Gruppe italienischer Teenager unterwegs. Der Reiseleiter hat keine Mühe, eine historische Linie von der Judenvernichtung während des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart zu ziehen: „In Israel werden heute Afrikaner in Konzentrationslager gesteckt“, behauptet er. Was sich im Land abspiele, sei „ein Holocaust“, ein Befehl Hitlers zum Judenmord hingegen sei nicht überliefert.

Scharf ist sein Blick auf Palästina und seine Funktionäre. Sie erscheinen Tenenbom wenig glaubwürdig, weil sich offizielle Statements für die Öffentlichkeit und hinter vorgehaltener Hand Geäußertes so sehr unterscheiden. „Es wäre sehr gut gewesen, wenn Rommel sein Ziel erreicht hätte“, wird ihm in einer geselligen Runde beschieden. Gemeint ist der NS-General, der im Zweiten Weltkrieg den Versuch unternahm, auf das Gebiet des heutigen Israel vorzustoßen. Dschibril ar-Radschub, graue Eminenz der Fatah, verleiht dem vermeintlichen Deutschen wenig später gar einen Ehrentitel: „Abu Ali“ – es ist der umgangssprachliche palästinensische Ausdruck für Adolf Hitler. Trotzdem schreibt Tenenbom: „Ich persönlich liebe die Palästinenser. Weil die Palästinenser stolz auf ihre Identität sind. Aber sie haben sich bestens in ihrer Opferrolle eingerichtet, auch dank großzügiger finanzieller Alimentation aus Europa.“

.Es gehe, so stimmt er Amos Oz zu, in Israel aber nicht um den Kampf Gut gegen Böse – sondern um „zwei vollkommen berechtigte Ansprüche auf dasselbe Land.“

Dieses Land hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Als ich 1968 in einem Kibbutz arbeitete, waren die meisten deutschen Freiwilligen proisraelisch – aus welchen Motiven auch immer. Der Sechs-Tage-Krieg stellte sich als Kampf des israelischen David gegen den arabischen Goliath dar. Mit der andauernden Zeit der Besetzung Palästinas drehte sich das Bild. Das militärisch starke Israel mit den USA im Rücken erwies sich als „Goliath“. Offenkundige Menschenrechtsverletzungen und die illegalen Siedlungen veränderten das Image Israels – und nicht in erster Linie Antisemitismus.

Das sieht Tenenbom anders. Er fragt in einem Interview für „Cicero“: „Warum interessieren sich Deutsche nicht für Tschetschenien oder den Sudan? Oder die Lage der Palästinenser in den arabischen Ländern? Denen geht es da gar nicht gut. Aber das kümmert niemanden. Das zeigt doch, dass sie Konflikte, vor allem aber Palästinenser letztlich gar nicht interessieren. Es geht den Palästinenserfreunden um Israel und die Juden… Antisemitismus, den es seit über zweitausend Jahren gibt und der im christlichen Europa Teil der Kultur ist. Selbst heute, da Europa weitgehend entchristlicht ist und viele Europäer selbst die historische Existenz Jesu leugnen, halten sie doch an einem eisern fest: dass es Juden waren, die Jesus gekreuzigt haben. Es ist Teil der Kultur…Es gibt Konflikte und Probleme überall auf der Welt. Als in Israel geborener Jude stellt es sich mir so dar: Es geht um zwei Stämme, die dasselbe Stück Land wollen. Kein Stamm ist aber bereit, ernsthaft darüber zu verhandeln. Das war so und das wird so bleiben….Es geht nicht um Land, sondern um einen Zusammenstoß der Kulturen und Religionen. Es gibt für diesen Konflikt keine Lösung. ..Letztlich waren die ersten Zionisten naiv und dachten, man könnte sich das Land mit den Arabern teilen. Das hat nicht funktioniert. Das musste man bei der Staatsgründung spätestens 1948 einsehen. Und nach 1967 mussten sie erkennen, dass sie auch dann keinen Frieden mit den Arabern haben würden, wenn sie die eroberten Gebiete zurückgeben würden. Denken Sie an das Nein der Arabischen Liga in Khartum zu Verhandlungen mit Israel. Jetzt hatte man die Westbank am Hals. Die liberalen, naiven Zionisten wurden von der nahöstlichen Realität eingeholt. Diese Lektion müssen deutsche, schwedische und andere Gutmenschen aber erst noch lernen.“

Das ist harte Kost für einen Friedensfreund. Ich fürchte, er hat recht. Was können wir dann tun? Wir sollten nicht als die „Selbstgerechten der Völker“ auftreten, sondern trotz allem die unterstützen, die an eine gemeinsame Zukunft aller Bewohner des Landes glauben. Vor allem sollten wir alles unterlassen, was diesen Konflikt weiter anfeuert, Waffenexporte zum Beispiel. Es kann sein, dass eine Friedenslösung in weiter Ferne liegt. Die Deutschen brauchten immerhin zwei Weltkriege, um zu erkennen, dass man mit Franzosen in Frieden leben und auf Straßburg verzichten kann.

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