Kirche und Kolonialismus

Eine Theologenrunde beschäftigt sich mit einem speziellen Kapitel der Auslandsarbeit der Evangelischen Kirche. Es geht um die Beziehungen der EKD und ihrer Vorgänger zu den Kirchen in Namibia. Hauptreferent ist der Tübinger Kirchengeschichtler Professor Jürgen Kampmann. Er hat an einem aufwendigen Studienprozess mitgearbeitet, dessen Ergebnisse in zwei dicken Bänden vorliegen, die er herumreicht. Dass viele die lesen, wird er nicht  erwarten: „Deutsche Evangelische Kirche im kolonialen südlichen Afrika. Die Rolle der Auslandsarbeit von den Anfängen bis in die 1920er Jahre.“ Harrasowitz Verlag Wiesbaden 2011.

Es gab damals eine Auswertungstagung dazu, in der es hieß: „Seit mehr als 300 Jahren leben deutsche Siedler im südlichen Afrika. Im Jahr 1780 wurde die erste evangelische Gemeinde deutscher Siedler in Kapstadt gegründet. Seit dieser Zeit unterstützen Kirchen, Missionsgesellschaften und kirchliche Vereine in Deutschland die Arbeit der deutschsprachigen evangelischen Gemeinden im Gebiet des heutigen Südafrika und Namibia. Im Mittelpunkt dieser Zusammenarbeit stand neben der Verkündigung des Evangeliums und der pastoralen Versorgung der Deutschsprachigen auch die Förderung der Beziehung zu den deutschen Kirchen über viele Jahrzehnte und die Bewahrung von deutscher Sprache, Kultur und Identität. Diese Orientierung der deutschen evangelischen Auslandsarbeit wurde immer wieder kritisiert. Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts strebten die deutschen Siedler durch die Gründung von eigenen Synoden und Kirchen nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. Seit mehr als 50 Jahren wird der Auslandsarbeit vor allem von den aus der Missionsarbeit entstandenen schwarzen Kirchen vorgeworfen, Nationalität und Rasse über die Universalität des Evangeliums zu stellen und so zur Entstehung von Systemen der Rassentrennung im südlichen Afrika beigetragen zu haben.“

Man muss hinzufügen, dass viele kirchliche Anti-Apartheids-Gruppen sich im Gegensatz zur EKD-Linie befanden, was zu schweren Auseinandersetzungen, ja Verwundungen geführt hat, die immer noch schmerzen. Federführend in dieser Kritik war seinerzeit unser Kollege Markus Braun, der mir in vielen Gesprächen seinen Standpunkt klargemacht hat: „Der EKD-Studienprozess ist der weitgehend misslungene Versuch, die koloniale Vergangenheit der EKD in einem mehr als 700 Seiten umfassenden Sammelband und einer 90 Seiten umfassenden epd-Dokumentation „aufzuarbeiten“.“

Prof. Kampmann hat diesen Anspruch gar nicht erst. Er gibt uns in bester deutscher wissenschaftlicher Tradition einen Einblick in eigene Forschung. Es folgt kaum eine Diskussion. Keiner will die alten Debatten wieder anfangen. Ich hätte jetzt Lust, Namibia endlich mal selber kennenzulernen. Mir genügt nicht wie dem Professor die Kenntnis „nach Aktenlage“.

 

 

 

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