Im falschen Film

Mit einiger Verspätung, aber großem Vergnügen habe ich Hape Kerkelings Pilgerbericht „Ich bin dann mal weg“ gelesen. Eine witzige Bemerkung zitiere ich in meiner Sonntagspredigt. In meinem Lieblingskino wird abends eine Vorstellung des gleichnamigen Films angezeigt. Nichts wie hin!

Ich komme sehr rechtzeitig und wundere mich, dass die Leute vor der Kasse bis auf die Straße eine Schlange bilden. Ist denn der Kerkeling so populär? Bis endlich alle ihren Platz im überfüllten Kino, teils auf Klappsitzen, eingenommen haben, ist eine halbe Stunde vergangen. Dann kommen die überflüssige Werbung und die Vorfilme. Einer heißt „Südafrika – der Kinofilm“. Der hört gar nicht wieder auf. Ja, haben die denn hier das Programm gewechselt? Allmählich dämmert mir, dass ich im falschen Film sitze. Nun, was man nicht ändern kann, muss man genießen. Wehmütig erinnere ich mich an zwei eigene Reisen nach Südafrika. Die erste ging in den Norden und war eher entwicklungspolitisch ausgerichtet. In Durban gibt es das kirchliche Bildungszentrum „Diakonia“, das damals vor allem in der AIDS-Prävention tätig war. Die zweite Reise ging mit einer Gruppe Herrnhuter von Durban nach Kapstadt mit Besuchen bei Gemeinden der Moravian Church im Hinterland . Jedesmal begegnete ich vielen sehr verschiedenen Menschen.

Der Film ist schön. Leider nur schön. Die Filmemacher Silke Schranz und Christian Wüstenberg sind Experten in Sachen Reise-Dokumentation. Mit zwei Journalisten begaben sie sich mit ihrem Wohnmobil auf eine Reise kreuz und quer durch Südafrika, Swaziland und Lesotho. Mehrere Tausend Kilometer legten sie insgesamt von Kapstadt bis nach Johannesburg zurück und dokumentierten jeden Tag während der zweimonatigen Reise mit ihrer Kamera. Entstanden ist ein vielfältiger, ausführlicher filmischer Beitrag über ein spannendes Land, dessen imposante landschaftliche Schönheit durch den Film eingefangen wird.

Nun kann man solche Landschafts- und Tierfilme allerdings reichlich in diversen TV-Programmen sehen. Zwar zeigen die Filmemacher auch die problematischen Seiten, aber der freundliche Kommentar packt sie gewissermaßen pflegeleicht wie in Watte. Wir sehen den Bewohner eines Townships in den verdreckten, engen Gassen. Sie zeigen die Armut in einem abseits gelegenen Dorf auf, in der die Frauen täglich Kilometer um Kilometer zur nächsten Wasserstelle zurücklegen müssen. Nur um am Ende mit einem 20 Liter Wasser fassenden Eimer auf dem Kopf und einem Baby auf dem Rücken den beschwerlichen Gang zurück ins Dorf zu bewältigen. Die Highlights: das höchste Gebirge des südlichen Afrika (Drakensberge), der zweithöchste Wasserfall der Welt (Tugela Falls), das früher wegen seiner Klippen gefürchtete „Kap der Guten Hoffnung“ oder das Geburtsdorf von Nelson Mandela. das über ein Museum verfügt.

Der Film ist durchaus unterhaltsam, aber auf Dauer ärgert mich doch, dass über die gegenwärtigen sozialen und politischen Probleme kein Wort verloren wird.

Fazit: Ein bunter Film, der der Tourismusindustrie sicher gefallen wird.

Und wieso habe ich mich im Film geirrt? Später sehe ich, dass ich in der Hast ins Februar-Programm geguckt habe. Nächstes Wochenende habe ich aber noch einmal eine Chance.

 

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