Im Altenpflegeheim

Letzten Sonntag halte ich in dem Altenpflegeheim, das ich als Gemeindepfarrer 1991 mit eingeweiht habe, einen Gottesdienst. Ich habe seinerzeit viele seelsorgerliche Besuche gemacht, aber von den damaligen Bewohnern ist wohl keiner mehr am Leben. Nach 25 Jahren rücke ich selber nun der Altersgruppe näher, die hier ihre letzte Station bezieht. Der katholische Andachtsraum ist zu klein. Helfer haben in einem Aufenthaltsraum Dutzende von Hochbetagten in Rollstühlen vor mir aufgereiht. Ich predige lieber wenige Meter vor ihnen mit Augenkontakt statt auf einer überhöhten Kanzel. Es kommen noch einige von draußen. Eine 90igjährige freut sich, ihren alten Pfarrer wiederzusehen. Ist doch schön, dass sie sich noch erinnert. Sogar mein  ehemaliger Vorsitzender des Kirchengemeinderats gibt mir die Ehre.

Was sage ich da bloß? Die für den Sonntag vorgeschlagene Epistel kann ich nicht nehmen. Da geht es um Gier und Unzucht. Das passt ja hier wohl nicht. Oder gibt es Porno im Altenpflegeheim? Man kann es nie wissen. Ich predige lieber über den Trost des Evangeliums. Mir helfen die Choräle. Es ist ja Passionszeit. Wir singen eine Strophe, die meine Mutter mit mir gebetet hat als nach meiner Konfirmation mein Vater starb: „Wenn ich einmal soll scheiden, / so scheide nicht von mir,/ wenn ich den Tod soll leiden, / so tritt du dann herfür; / wenn mir am allerbängsten / wird um das Herze sein, / so reiß mich aus den Ängsten / kraft deiner Angst und Pein.“ EG 85,9

Einige singen auswendig mit. Sie haben das noch gelernt. Und sie wissen, dass ihre Lebensfrist immer kürzer wird. Die meisten strahlen mich hinterher an. Ich denke, was wird wohl eine Generation im Kopf haben, die diese Lieder nicht mehr auswendig – by heart! – sagen kann? Ich verschweige, dass ich diese Strophe einmal im Religionsunterricht zum Auswendig lernen aufgab. Da bekam ich einen wütenden Anruf eines Vaters, ich möge seinen Sohn mit solchem Mittelalter verschonen. Ja, der geht sicher erst in ein solches Heim, wenn er hineingetragen wird. Ein wenig bin ich stolz, dass unsere Kirche sich um diese Menschen kümmert. Wo sind denn die „Humanisten“, die neuerdings so lautstark die Religion kritisieren? Wer hier die Rollstühle schiebt, gehört zur oft gescholtenen Kerngemeinde.

Ich schließe meine Ansprache mit meinem Lieblingstheologen. Ich weiß, er selber wollte kein Heiliger sein. Aber er ist es für viele geworden. Ich weiß, so große Vorbilder können einschüchtern, weil wir sie doch nicht erreichen. Aber sie können uns auch anspornen. Auf alle Fälle beweisen sie, dass Christen keine Hinterwäldler sind. Ich freue mich einfach, dass es solche Menschen immer wieder gibt.

Ein Vorbild ist mir Dietrich Bonhoeffer. Er fühlte sich im Nazi-Gefängnis oft verlassen. Er hatte das Todesurteil vor Augen. Ein Mitgefangener schreibt über ihn: „Immer war er guter Laune, immer gleich bleibend freundlich und gegen jedermann zuvorkommend… Immer war er es, der einem Mut und Hoffnung zusprach, der nicht müde wurde zu wiederholen, dass nur der Kampf verloren ist, den man selbst verloren gibt. Wieviel Zettel hat er mir zugesteckt, auf denen der Bibel entnommene Worte des Trostes und der Zuversicht von seiner Hand geschrieben waren.“ Fabian von Schlabrendorff, „Mit Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis“, Begegnungen, S.167.

 

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