Mit der Bibel „Augen auf!“

„Augen zu – und durch!“ scheint das Motto gegenwärtiger Politik angesichts schier unüberwindbarer globaler Katastrophen zu sein. Im Kleineren gilt das anscheinend auch für die Kirchenarbeit. Jedenfalls sehe ich zwar in manchen Reden, aber wenig in der Praxis Modelle, die den gegenwärtigen Herausforderungen angemessen zu sein scheinen. Um nun nicht in den Fehler mancher Ruheständler zu verfallen, aus dem Ohrensessel heraus die Arbeit der Jüngeren zu kritisieren, übernehme ich gern Predigten und Bibelarbeiten. Allerdings kann ich mit Gastauftritten das Milieu kaum verändern, in dem sich kirchliches Leben in Deutschland, (genauer: in Württemberg) bewegt.

„Augen auf und durch!“ lautet der Titel der Bibelwoche 2016. An drei Abenden beschäftigen wir uns mit Texten aus dem Sacharjabuch im Alten Testament (AT). Dieser Teil unserer Bibel ist jüngst von dem Dogmatikprofessor Notger Slenczka in Frage gestellt worden. Viele Christen seit Bischof Marcion (gestorben 160 n.Chr.) können im AT kein Evangelium entdecken. Folge: Sie lesen es einfach nicht. Und so entgeht ihnen ein Schatz von jahrtausendalter Überlieferung des Kampfes um Gerechtigkeit und Frieden.

Ab und zu wird über einen Abschnitt aus dem AT gepredigt. Aber nur im Gespräch kann ein Pfarrer feststellen, wo die Blockaden und Missverständnisse sitzen. Die wöchentlichen Bibelgespräche, die ich mit deutschen Aussteigern in Pattaya geführt habe, haben mir dazu die Augen geöffnet. Die Kluft zwischen dem Alltagswissen der Christen (samt ihrer Gegner) und der Bibelwissenschaft wird immer größer. Evangelische Pfarrer, die (nach Martin Luther) keine Priester, sondern „Lehrer der Heiligen Schrift“ sind, könnten sie schließen.

Sacharja wirkte um das Jahr 520 vor Christus. Nach 70 Jahren im Exil dürfen die Israeliten zurück in ihr Heimatland. Die große Schar der Neuankömmlinge muss integriert werden. Sie gehörten zur Oberschicht und wollen ihre alten Rechte und Privilegien zurück. Die im Land gebliebenen Armen fürchten um ihre Lebensqualität. Die Wirtschaft muss den großen Ansturm verkraften. Es fehlt an Wohnraum und Arbeit.

Sacharja verharmlost nicht die Herausforderungen, die anstehen. Er nennt die Probleme beim Namen. Aber er spricht den Menschen auch Hoffnung und Mut zu: „Lasst euch nicht lähmen von den großen Problemen, die vor euch liegen. Vertraut auf Gott. Er wird euch helfen und euch die Kraft geben, die ihr braucht, um die Herausforderungen anzugehen.“

Seine Visionen (in den Kapiteln 1-8) sind fremdartig, aber nicht nur für Tiefenpsychologen herausfordernd. Spätere Jünger haben andere Visionen hinzugefügt, die teilweise im Neuen Testament aufgenommen wurden. Immer wieder haben sie Menschen in schwierigen Zeiten beflügelt. So stammt der Text des wohl bekanntesten Adventsliedes „Tochter Zion, freue dich“ aus dem Buch des Propheten Sacharja.

Ich nenne meinen Beitrag (gegen Helmut Schmidt) „Visionen braucht das Land“ und nutze dazu Ideen des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) „zur Ökonomie des Lebens.“ Der ÖRK wendet sich an Kirchen, kirchliche Gemeinschaften, ökumenische Organisationen und Partner in der ganzen Welt mit einer Einladung zu intensiverem theologischen Nachdenken und Handeln im Blick auf eine bessere Globalisierung. Dieses Engagement soll u.a. die Reflexion in Kirchengemeinden, die Zusammenarbeit mit Partnern und gezielten interreligiösen Dialog einschließen.

http://www.oikoumene.org/de/resources/documents/programmes/public-witness-addressing-power-affirming-peace/poverty-wealth-and-ecology/oekonomie-des-lebens

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s