Evangelium für Muslime?

“Gott hat uns die Muslime geschickt, weil wir nicht zu ihnen gehen“, sagte Dr. Paul C. Murdoch in einem Derendinger Vortrag kürzlich. Noch abenteuerlicher sind die geradezu apokalyptischen Ausführungen in seinem Internetauftritt, in dem auch die Skizzen seiner fünf aktuellen Vorträge nachzulesen sind. Siehe http://pcm.murdochs.eu.

Der Studienleiter am Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen ist einer der bekanntesten Islam-Experten unserer Evangelikalen, hat er doch nicht nur zwei Jahre in Mikronesien, sondern auch zehn Jahre als Missionar in Pakistan gearbeitet. Darum war ich neugierig auf den letzten seiner fünf Vorträge mit dem Titel „Christsein 2016 – Evangelium auch für Muslime?“

Zunächst fühle ich mich in die fünfziger Jahre versetzt. Das Derendinger Primus-Truber-Haus ist bis auf den letzten Platz besetzt. Choräle und Soloinstrumente stimmen uns ein. Der Gemeindepfarrer begrüßt uns. Dann folgt der fast einstündige Monolog. Fragen oder Diskussionen sind nicht vorgesehen. Widerspruch wird offensichtlich nicht erwartet, man ist ja eine Lebendige Gemeinde.

Doch mir sträuben sich alsbald die Nackenhaare. Denn der Referent nutzt fast die erste Hälfte seiner Redezeit, um gegen die EKD zu polemisieren. Nun ist die EKD keine unfehlbare Institution, strebt auch kein Lehramt an. Man darf sie kritisieren. Aber sie ist nicht verantwortlich für den in diesen Kreisen immer beklagten „Glaubensschwund“. Sicher ist nicht verkehrt, dass wir Menschen möchten, die Christus nachfolgen. Aber es ist reichlich unverschämt, diese Nachfolge den verantwortlichen EKD-Vertretern abzusprechen. Gerade der gegenwärtige Ratsvorsitzende Bedford-Strohm versucht, in der weiteren Öffentlichkeit die Botschaft des Evangeliums zur Geltung zu bringen.Zu den Schwerpunkten für 2016 heißt es sogar wörtlich: „Dazu gehören unter anderem die Förderung eines missionarischen Aufbruchs, neue Begeisterung für den Glauben bei jungen Menschen zu wecken…“ Woher der Wind der Ressentiments Dr. Murdochs weht, zeigt dieser Satz: „Die Gemeinde vor Ort braucht mehr Rechte und Verfügungsgewalt. Ein Aufblühen des Gemeindelebens wird nicht vorher kommen.“ Für die Gemeinden sind eher die Landeskirchen zuständig, ihre Ordnung bestimmt eine Landessynode. Abgesehen davon: Wir haben Freikirchen in Deutschland, die vielleicht Dr. Murdoch besser gefallen. Sie stehen aber insgesamt nicht stärker als die Landeskirchen da.

Nach der Pause kommt er endlich zum Islam. Da klingt vieles sympathisch. Wir brauchen eine nachhaltige Willkommenskultur und sollten Muslimen  nicht die Reste unseres Wohlstands, sondern das Beste geben. Ihre aufgescheuchten Seelen brauchen Liebe. Wir sollten ihnen zuhören, ihre Geschichten anhören, echtes Interesse entwickeln. . „An uns muss etwas zu sehen sein.“ Sie geben uns Anlass, uns über den eigenen Glauben klar zu werden. Unsere Freiheit ist Pflicht. Sehr einverstanden! Doch dann will er eben doch „missionieren“, stellt einen Steglitzer Pfarrer als Vorbild hin, der jeden Monat dreißig Muslime tauft. Da hätte man gern nachgefragt.

In seinem Internetauftritt  wird er konkreter: „Dass Muslime in großen Scharen zu uns kommen, ist kein Zufall. Das ist nicht das Ergebnis irgendeines menschlichen Planes. Klar – Muslime planen die Kolonisation und Islamisierung Europas seit dem 7. Jahrhundert. Sie taten es von Anfang an und immer wieder gab es erneute Versuche, Europa für den Islam einzunehmen – auch in unseren Tagen. Der IS plant es, Gaddafi plante es, Erdogan hat seine Ambitionen und Intrigen, Saudi Arabien und die Emirate nehmen keine Flüchtlinge auf, weil die Krise ihren Plänen durchaus dienlich ist. Aber keiner hat die Macht, das von sich aus zu tun… Gott macht die Völkerwanderungen.” Auf dieses Gemälde verzichtete Dr. Murdoch in seinem Vortrag. Aber er zitierte den problematischen Satz von Martin Luther: „Der Türke ist die Rute Gottes.“ Da zuckte die alte Frau neben mir spürbar. Geht es denn nicht ohne Angst?

Die gescholtene EKD hat schon vor Jahren auf einer Synode sich für Mission ausgesprochen im Sinne der „missio dei“ (Sendung Gottes). Der Missionswissenschaftler Rennstich hat einmal betont, dass die Vokabel „missionieren“ nicht im Neuen Testament erscheint. Sie schmeckt nach Propaganda und Ein-Weg-Unterwerfung. Neue Wege der Glaubensverkündigung findet man nicht, wenn man trotz der Betonung von „Christ sein 2016“ die Schablonen der fünfziger Jahre benutzt. Darum hat mich der Vortrag mehrfach enttäuscht. Vielleicht sollte man bei solchen Themen mit dem innerkirchlichen Gespräch beginnen.

 

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