Thailand – ein Friedhof?

Eigentlich ist die Zeit vorbei, da ich als Student nach der Arbeit um Mitternacht mit Leidensgenossen ins (legendäre Tübinger Hirsch-)Kino ging. Doch heute ist es nötig, da der Film „Cemetry of Splendour“ (Friedhof der Herrlichkeit) nur einmal in einer Nachtvorstellung läuft. Und wenn schon mal ein thailändischer Film im Original gezeigt wird? Wir haben zu viert das Kino für uns. Cineasten scheint es unter den 20000 Studenten nicht mehr zu geben. Es ist aber auch ein höchst rätselhafter Film. Ich verstehe wenig, was nicht nur an mangelnden Sprachkenntnissen liegt. Untertitel können ja den Wert und Witz einer Sprache nicht wiedergeben. Viele Anspielungen bleiben mir fremd. Und das schöne Thailand bleibt in diesem quälend langsam erzählten Film unter einem grauen Himmel.

Soldaten schlafen fest. Die Betten nebeneinander gereiht, die Moskitonetze zur Seite geschoben. So habe ich bei meinen seelsorgerlichen Besuchen einfache Krankenhäuser oft gesehen. Krankenschwestern kümmern sich um die komatösen Patienten, die in einer ehemaligen Schule in einer Kleinstadt gepflegt werden. Die freiwillige Helferin Jenrija kommt in dieses provisorische Hospital. Sie humpelt. Ein Bein ist kürzer als das andere. Gemeinsam mit dem Medium Keng nehmen die Frauen Kontakt mit den Soldaten auf.

Grüne Geister in Leuchtstoffröhren, schwebende Wasserwesen, Inkarnationen verstorbener Königinnen – das sind die traumwandlerischen Bilder, die Apichatpong Weerasethakul in seinem neusten Film Cemetery of Splendor montiert.

Es heißt: „Konzentriert, hypnotisch und mit einem wachen Blick auf die ganze Bandbreite der Legenden und Mythen seines Landes erzählt Weerasethakul nicht bloß von der Vergangenheit Thailands. Sein Film ist – trotz seiner Stille und einer unendlichen Zärtlichkeit – auch sehr gegenwärtig und wütend, ein Manifest gegen die Sünden der Militärregierungen und ihre Säuberungswellen gegen angebliche Kommunisten in den 1970er Jahren.“

Die humpelnde Jenrija kümmert sich vor allem um den Soldaten Ipp. Sie spricht mit ihm. Später erfährt sie, dass das provisorische Krankenhaus auf einem ehemaligen Königsfriedhof erbaut worden ist, deshalb verharren alle Soldaten in dieser Schlafstarre. Doch die Reinkarnationen kann das nicht stoppen. Ärzte erkunden derweil die Möglichkeiten einer Lichttherapie, um die Alpträume zu erleichtern. Als Jenrija ein Notizbuch mit fremden Skizzen entdeckt, ahnt sie die Zusammenhänge mit dem mythischen alten Ort. Ipp erscheint Jenrija in Form einer schönen Königin. Beide streifen gemeinsam durch einen Vergnügungspark, der durch einen Tsunami zerstört worden ist. Auch das ist so eine Art Friedhof. Jetzt wuchert das wilde Gras durch die Skulpturen und Attraktionen hindurch. Vorsichtig schleichen Jenjrija und Ipp durch den Wald. Sie reden über die Kraft des Neuanfangs, über die Kraftlosigkeit, sich gegen die Verhältnisse zu wehren und den Lügen der Mächtigen zu trotzen. Einmal sagt Jenrija zu Ipp, sie wünsche ihm, dass er möglichst lange schlafe, weil sich die Zeiten nicht so schnell ändern würden. Ein Satz voller Hoffnungslosigkeit und Wut.
Der Filmkritiker Patrick Wellinski meint: „Und wieder einmal erreicht die reine Rezension im Falle von Weerasethakuls Filmen die Grenze des Beschreibbaren. Seine poetischen Bilder lassen sich daher vielleicht am besten mit Poesie fassen und überraschender Weise muss man in Cemetery of Splendor an Rilke denken, dessen Sieben Gedichte wie ein melancholisch-schöner Resonanzraum zu diesen thailändischen Geisterbildern scheinen: „Du junger Ort der tiefen Himmelfahrt / Du dunkle Luft voll sommerlicher Pollen / Wenn ihre tausend Geister in dir tollen / wird meine steife Leiche wieder zart.““

Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Film im Thailand gezeigt wird. Nicht nur die Militärs werden kaum dulden, dass ihre Leute im Tiefschlaf gezeigt werden. Die meisten Leute bevorzugen im Kino leichte Kost, oft amerikanischer Machart. Der Film spielt eine solche Szenen als „Kino im Kino“ ein. Da wird es plötzlich schrill und laut. Ansonsten spürt man eine fast quälende meditative Ruhe. Dass Geister für Thais real sind, ist bekannt. Dass aber Göttinnen leibhaftig sich für Geschenke und Opfer bedanken, verwirrt die gläubige Frau in einer fast komödiantischen Szene. Dass sie mit einem dicken Amerikaner zusammenlebt und darüber spottet, ist wiederum tausendfach gelebte Realität. Lustig auch die Frauen bei ihrer öffentlichen Gymnastik. So haben wir das oft gesehen. Und wenn Suppe von der Straßenküche gelöffelt wird, möchte man gleich mitessen.

Am Anfang lärmt ein Bagger und am Ende ist die Erde bei der Verlegung von Kabeln umgewühlt. Ein Land im Umbruch!

ARTE TV hat die Film mitproduziert und wird ihn irgendwann im Fernsehen zeigen. Sollte es im Spätprogramm sein, kann man sich wenigstens einen Kaffee machen. Die Gefahr, dass man selber einschläft, ist sonst nicht gering.
Vorschau unter: http://kino-zeit.de/filme/trailer/cemetery-of-splendour.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s