Der Kampf für das Frauenstimmrecht

Der neue Film “Suffragette” hat mich zu weiterer Lektüre angeregt. Das „Buch zum Film“ sozusagen ist von Michaela Karl „„Wir fordern die Hälfte der Welt!” Der Kampf der Suffragetten um das Frauenstimmrecht.“ Fischer Taschenbuch Verlag, 2009, 368 Seiten.

Dass Frauen wählen dürfen, ist gar nicht lange her. Noch vor hundert Jahren kämpfte in England eine ganze Gruppe, die »Suffragetten«, um dieses elementare demokratische Recht. Und dieser Kampf hatte es in sich: Mit ganzem Einsatz und in originellen Aktionen kam es zu einem regelrechten Guerilla-Krieg.

Die Verfasserin beginnt mit den ersten Emanzipationsbewegungen im 18. Jahrhundert, als sich einige gebildete Frauen gegen patriarchale Unterdrückung auflehnen. Oft sind es religiöse Gruppen wie die Auswanderer der ‚Mayflower’, die die Erlösung der gesamten Menschheit vertreten und sich für die Gleichheit der Frau einsetzen. Die religiöse Fundierung sieht man auch daran, dass später 20% der Mitglieder der ‚National Union of Women’s Suffrage Societies’ (NUWSS) aus Quäker-Familien kommen. 1846 verfasst die Quäkerin Anne Knight das erste von vielen Flugblättern für das Frauenstimmrecht.

Es ist erschütternd, wie dumm die Männerwelt mehrheitlich auf die berechtigten Forderungen reagiert. Immer wieder werden die engagieren Frauen hingehalten, ausgetrickst oder gegeneinander ausgespielt. Sie sind natürlich nicht immer einig, stammen sie doch aus oft unterschiedlichen sozialen Klassen und Regionen.

Mich interessiert die Rolle der Kirchen: Die Anglikanische Staatskirche ist eher ablehnend, obwohl einzelne Bischöfe die Frauen durchaus unterstützen. Die erhoffen sich vom Wahlrecht für Frauen eine Hebung der Moral. „Einige Kirchenmänner formen die ‚Church League for Women’s Suffrage’, da sie die Einführung des Frauenstimmrechts als logische Konsequenz aus dem christlichen Prinzip der Gleichheit aller Menschen ableiten.“S.152 Es gibt Unterstützer aus den Reihen der katholischen Kirche (Irland wird damals von London regiert!), vor allem aber aus den Freikirchen. Sie stellen den Frauen Räume und andere Mittel zur Verfügung.

Neben dem Wahlrecht ist vielen Frauen der Kampf gegen das soziale Elend der Unterschicht (Hunger, Alkoholismus, Prostitution etc.) wichtig. Es gibt aber Auseinandersetzungen untereinander, wie die Prioritäten zu setzen sind.

Der Film konzentriert sich auf die Jahre 2012/13, als sich ein Teil der Frauenbewegung weiter radikalisiert und zur offenen Gewalt übergeht. Deren Führerin ist Emmeline Pankhurst, die durchaus radikal und diktatorisch ihren Verband ‚Women’s Social and Political Union’ (WSPU) leitet und später von ihrer Tochter Christabel, teilweise aus dem Exil, unterstützt wird. Die andere Tochter Sylvia versteht sich als Sozialistin und möchte vordringlich soziale Reformen erreichen. Alle drei haben eine spannende Biografie, die die Autorin anschaulich schildert.

Eine weitere Heroine ist Emily Wilding Davison, deren selbstmörderische Aktion im Film gezeigt wird, als sie bei einem Derby gegen das Pferd des Königs läuft. Vorher schon hat sie wie viele andere tapfer Gefängnisfolter und Zwangsernährung erduldet. Einmal schrieb sie an eine Gefängniswand ihren Wahlspruch ‚Rebellion gegen Tyrannei ist Gehorsam gegenüber Gott.’ „Von Kindheit an ist Emily sehr religiös, betet, liest die Bibel und besucht regelmäßig die heilige Messe. All ihre Handlungen versteht sie als Auftrag Gottes. Größte Bewunderung bringt sie Jeanne d’Arc entgegen. Ihrem Kampf für’s Frauenstimmrecht wohnt ein durchaus religiös geprägter Fanatismus inne.“ S.291

Was der Film nicht mehr zeigt: Mit dem Ausbruch des Weltkriegs 1914 ist der Kampf der Suffragetten beendet. Die meisten beteiligen sich mit nationaler Begeisterung an den Kriegsanstrengungen. Ein kleinerer Teil der WSPU und natürlich die Sozialistinnen wie Sylvia Pankhurst engagieren sich ohne Erfolg in der internationalen Friedensbewegung. Nun aber beweisen die Frauen wozu das „schwache Geschlecht“ fähig ist, als sie die Arbeitsplätze der in den Krieg eingerückten Männer übernehmen. Die jahrhundertealten gepflegten Vorurteile schmelzen dahin. Demzufolge kann nach Kriegsende das Wahlrecht für alle weder den ehemaligen Soldaten noch den Frauen vorenthalten werden. Vorsichtshalber legt man aber für Frauen ein Mindestalter von dreißig Jahren fest. (Erst 1928 erhalten sie das gleiche Wahlrecht wie die Männer, 1969 wird das Mindestalter auf 18 herabgesetzt.) In der Siegesfeier singt man die religiös gesättigte Hymne „Jerusalem“ nach einem Gedicht von William Blake, in dem es zum Schluss heißt: „I will not cease from Mental Fight, Nor shall my Sword sleep in my hand,
Till we have built Jerusalem / In England’s green and pleasant Land!“

Die Führerinnen der WPSU gerieten nach der Einführung des Wahlrechts ins politische Abseits. Viele engagierten sich wieder in religiösen Vereinigungen. Manche kandidierten in diversen Parteien. Doch keine der Suffragetten gelangte jemals ins Parlament.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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