Wolf Singer in Tübingen

Große Plakate wie bei einem Popkonzert weisen auf den Vortrag des Hirnforschers Wolf Singer hin: “Das Unerklärliche erklären”. Demzufolge ist der Andrang groß. Die Veranstaltung des Rhetorischen Seminars der Universität Tübingen muss per Video in zwei weitere Hörsäle übertragen werden. Der Vortragende wundert sich: „So viele Interessierte in so einer kleinen Stadt“. Ich wundere mich eher, dass die militanten Tierschützer nicht demonstrieren, denn Singer ist auch an Tierversuchen beteiligt und rechtfertigt sie.

Ich habe wenig Ahnung von Hirnforschung, mich aber  im Internet etwas schlau gemacht. Da sind ganze Vorträge und Artikel des weltberühmten Referenten zu finden.

Er beginnt angenehm zurückhaltend: Aus dem „Unerklärlichen“, das manche wohl esoterische Weisheiten erwarten ließ, macht er gleich das „Unvorstellbare“. Er plädiert zunächst schlicht für die moralische Verpflichtung des Wissenschaftlers, seine Forschungen transparent und redlich zu kommunizieren. Überraschung für den zuhörenden Theologen: „Nicht alle können alles wissen, aber alle müssen an ethischen Diskursen teilhaben. Grundlage dafür ist Vertrauen!“ Vertrauen ist das evangelische Hauptwort, um das neutestamentliche „pistis“ (Glauben) zu übersetzen.

Bescheiden nimmt er spektakuläre Erwartungen zurück: „Wir können nur erkennen, was unser Gehirn erlaubt.“ Seine kognitiven Leistungen verdanken wir der evolutionären Anpassung an die mesokopische Welt, die für das Überleben wichtig sind. Es ist ein winziger Ausschnitt der Realität. Kognitive Leistungen sind darum begrenzt und eklektisch.

Sein Interesse ist die freie neugierige Forschung, die nicht gleich nützlich ist. Allerdings müsse er für die Gewinnung von Forschungsgeldern immer auf den möglichen Nutzen verweisen. Den könne echte Forschung aber gar nicht kennen. „Utilitaristische Begründungen sind meistens unredlich.“

Nachdem er uns dann die Komplexität des Gehirns vor Augen geführt hat, ahnen wir, dass mit dem Fortschritt des Wissens das nicht Gewusste immer größer wird. „10 hoch 11“ Neuronen im Hirn gehen unzählige Verbindungen ein. Unverstanden bleibt, wie in den Wechselwirkungen zwischen Neuronen kodiert wird. Inhalte werden durch „assemblies“ kodiert. Aber wie? Jedenfalls ist das Gehirn weder Uhrwerk noch Computer.

Es gibt keine Kommandozentrale, in der entschieden werden könnte, in der das „Ich“ sich konstituieren könnte. Wir haben ein hochvernetztes, distributiv organisiertes System vor uns. In diesem laufen eine riesige Zahl von Operationen gleichzeitig ab, die in ihrer Gesamtheit zu kohärenten Wahrnehmungen und koordiniertem Verhalten führen und ohne Konvergenzzentrum auskommen.

Nachdem man den alten Traum aufgeben musste, im Gehirn eine Art Zentrum oder Schaltstelle zu finden, kommen neue philosophische Fragen. Kann man von einem „Ich“ sprechen? Wie verstehen wir die Leib-Seele-Problematik?

Singer ist bekannt geworden, weil Journalisten seine Zweifel am freien Willen des Menschen herausgestellt haben. Singer begründet seine Position eher vorsichtig- tastend: „Es bleibt Raum für Ungewissheit“. Singer zufolge werden neuronale Prozesse erst dann bewusst, wenn sie sich Lösungen nähern. Deshalb bleibt die Erfahrung, frei zu sein, widerspruchsfrei, weil wir uns der Aktivitäten nicht gewahr werden, welche die Entscheidungen vorbereiten. Die Strebungen und Motive, die uns letztlich dazu gebracht haben, etwas Bestimmtes zu tun, bleiben uns verborgen. Auch ein Abwägungsprozess beruht auf neuronalen Prozessen und folgt Szenarien deterministischer Naturgesetze. Die Variablen, auf denen der Abwägungsprozess beruht, sind jedoch abstrakter Natur und nach sehr komplexen Regeln miteinander verknüpft.

In der Diskussion fordert ihn deswegen eine Philosophin heraus. Singer verteidigt sich matt und lässt das Gegenargument stehen. Die Philosophen sind überwiegend der Meinung – so zum Beispiel Peter Bieri, Ernst Tugendhat und Ansgar Beckermann – dass die Hirnforscher, die die Willensfreiheit verneinen, keine überzeugenden Argumente vorgelegt haben, ja dass sie eigentlich recht deutlich zu erkennende Argumentationsfehler begehen, die schon in früheren Stadien der Diskussion über Willensfreiheit überwunden worden sind.

Den evangelischen Theologen, der Luthers Hauptschrift „De servo arbitrio“ („Vom unfreien Willen“) kennt, kann diese These nicht erschüttern. Es ist wohl eher eine Herausforderung für eine selbstunkritische Aufklärung. Martin Luther betonte in seiner Schrift „De servo arbitrio“ die Unfreiheit des menschlichen Willens hinsichtlich des Heils und auch grundsätzlich die Unmöglichkeit eines freien Willens. Diese Position führte in der Zeit der Reformation zum öffentlichen Bruch zwischen Martin Luther und Erasmus von Rotterdam.

Was Theologen zur Hirnforschung sagen, ist ein Kapitel für sich. Ich fand das Gespräch mit Wolfgang Huber in „Spektrum der Wissenschaft“ hilfreich.

http://www.spektrum.de/magazin/theologie-ist-die-demuetigere-wissenschaft/83677.

Insgesamt entmythologisiert – wie ich finde – Professor Singer die gegenwärtige Hirnforschung. Man weiß heute weniger als man vor zwanzig Jahren dachte. Einigermaßen desillusioniert gehen die Zuhörer in die Nacht.

 

 

Ein Kommentar zu „Wolf Singer in Tübingen

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