Suffragetten

Lag es am Wetter oder am Thema, dass das Kino ziemlich leer bleibt? Wir schauen den Film Suffragette – Taten statt Worte“. Ich gebe zu: Von diesem Kapitel Emanzipationsgeschichte habe ich wie die meisten keine Ahnung. Eine Suffragette (von englisch/französisch suffrage ‚Wahlrecht‘) war für mich eher eine Witzfigur aus „Mary Poppins“. Sehr bedauerlich. Aber der Film regt an, eine historische Lektion nachzuholen.

Zwei sehr unterschiedliche Filmkritiken machen neugierig. In der ZEIT beurteilt Andrea Hünninger den Film als “Seifenoper”: „Also erzählt Suffragetten von einer mehr oder weniger friedlichen Revolution, in der die Frauen Fenster einwerfen und Briefkästen sprengen, um das Wahlrecht zu erzwingen. Was der Film nicht erzählt, ist, warum es vor allem die bürgerlichen Frauen waren, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts radikalisierten. Was er auch nicht erzählt, ist, dass bereits zwei Jahre, bevor die Handlung des Films einsetzt, Hunderte Frauen von ihren Familien verstoßen wurden und die Polizei mit roher Gewalt auf sie losging. Wie zahlreiche von ihnen an den Folgen der Verletzungen durch die Polizisten starben. Nicht nur deshalb wirkt dieser Film gesäubert. Er höhlt die Geschichte des Feminismus aus, obwohl diese wenig beleuchteten Anfänge aller Frauenbewegungen essenziell für das Verständnis des heutigen Feminismus sind.“

Ganz anders Andreas Platthaus in der FAZ: „Geschickt erzählt der Film von den neuen Repressionsinstrumenten, die vor hundert Jahren gegen die Aktivistinnen eingesetzt wurden: Überwachungskameras etwa oder Zwangsernährung bei Hungerstreik. Die Presse diente als willfähriges Denunziationsinstrument, die Politik flüchtete sich in Ausschüsse, statt halbherzig versprochene Reformen anzugehen: Wenn die Männer zusammensitzen, denken sie sich nur unangenehme Dinge für Frauen aus. Plötzlich ist der Kampf der Suffragetten, wie Sarah Gavron ihn uns hier zeigt, ganz modern, geführt über Symbole und im Selbstbewusstsein, für die halbe Menschheit einzutreten. Gewonnen ist er bislang nur de iure, und nicht einmal das in allen Staaten. De facto bleibt noch viel zu tun, und auch daran erinnert „Suffragette“. Er ist damit im besten Sinne Lehr- und Rührstück zugleich.“

Obwohl prominente Suffragetten vorkommen, erzählt der Film aus der Perspektive einer einfachen Wäscherin. Die erbärmlichen Arbeitsbedingungen, aber auch die gesellschaftlichen Zwänge werden deutlich. Frauen und Männer sind Opfer, aber auch Täter eines unmenschlichen Systems, das als Imperialismus die Welt erobern will, aber nicht einmal die eigenen Gassen sanieren kann oder will.

Zwei Frauen stechen heraus: Im Jahr 1903 gründete Emmeline Pankhurst in Großbritannien die Women’s Social and Political Union, eine bürgerliche Frauenbewegung, die in den folgenden Jahren durch öffentliche Proteste, politische Demonstrationen und Hungerstreiks auf sich aufmerksam machte. Im Film verkörpert sie Meryl Streep. Sie wirkt allerdings in ihrem zweiminütigen Auftritt, als würde sie sich selbst parodieren.

Die andere ist Emily Davison, deren finale Aktion auch den Film beendet. Am 4. Juni 1913 besuchte sie das berühmte English Derby von Epsom. Während des Rennens lief Davison auf die Galopprennbahn und wurde vom Pferd des Königs überrannt. Sie zog sich schwerste innere Verletzungen und einen Schädelbruch zu und starb vier Tage später. Die Inschrift ihres Grabsteins endet mit “Deeds, not words” ( „Taten, nicht Worte“). Der Film verlässt bei der Darstellung des riesigen Trauerzugs die Fiktion und geht in zeitgenössische Wochenschauaufnahmen über.

Zwei Fragen beschäftigen den Theologen: 1. Wie hat sich die damalige Kirche verhalten? Als Staatskirche hat sie sicherlich das männliche Regiment gefördert. Doch es gab Ausnahmen. Im Film kommt nur vor, dass die Protagonistin nach dem Rauswurf durch ihren Mann in einer Kirche übernachtet. Haben also kirchliche Kreise die Suffragetten wenigstens karitativ unterstützt? 2. In einer Szene zitiert eine Mitstreiterin die Bibel (Offenbarung 21,4) „Er wird abwischen alle Tränen.“ Gab es also Christinnen, die sich beteiligt haben?

Es wird durchaus gezeigt, dass viele Frauen die Suffragetten abgelehnt haben. Das ist wohl bis heute so. Meine Großmütter hätten das auch. Ich bedaure, dass keine eine Suffragette war.

Der Nachspann erwähnt, wie lange es noch dauerte bis Frauen in verschiedenen Ländern das volle Wahlrecht bekamen. In Saudiarabien haben sie es immer noch nicht.

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