Die Fülle des Lebens

Zum Jahresauftakt 2016 empfing der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) den Tübinger Theologen Jürgen Moltmann einen Tag lang zu Vorträgen und Gesprächen im Ökumenischen Zentrum in Genf. Dabei ging Moltmann auch auf Fragen und Bemerkungen zu seinem letzten Buch „Der lebendige Gott und die Fülle des Lebens“ (Gütersloher Verlagshaus, 2014) ein, dessen englische Fassung im Dezember von WCC-Publications veröffentlicht wurde.

Das jüngste Buch Jürgen Moltmanns will „auch ein Beitrag zur Atheismusdebatte unserer Zeit“ sein. Demzufolge kritisiert er in der Einleitung „das reduzierte Leben der modernen Welt“. In Auseinandersetzung mit Lessing und Feuerbach, aber vor allem den Deformationen der Moderne kommt er zu dem Ergebnis, dass der Mut, man selbst zu sein und sich nicht verbiegen zu lassen, in der Religion des Exodus und der Auferstehung besser aufgehoben ist als im Atheismus. Den ewigen und lebendigen Gott zu denken geht darum von Lebensbejahung aus. Wir stimmen ein „in das große JA des göttlichen Schöpfers, der will, dass Leben da ist und dass es gelebt und geliebt wird.“ Diese Gewissheit ist vorrational, erleuchtet aber den Verstand mit Weisheit.

Im 2. Kapitel setzt er sich mit der traditionellen Lehre der „Eigenschaften Gottes“ auseinander, insbesondere der „Leidensunfähigkeit“. Der lebendige Gott ist nicht a-pathisch, weil er kein beziehungsloser Gott ist. „Wer liebesfähig ist, ist auch leidensbereit, denn er öffnet sich für die Erfahrung des Anderen…Gott ist keine leidensunfähige himmlische Substanz, sondern Subjekt unendlicher göttlicher Liebe.“

Wie das konkret wird, kann man in Moltmanns Verständnis der Trinität sehen. (Kap.3): „Der dreieinige Gott lebt das ewige Leben in wechselseitiger Liebe in sich selbst. Die Geschichte Christi ist seine Lebensgeschichte für uns, bei uns und mit uns. Sein ewiges Leben nimmt in der Geschichte Christi unser endliches Leben in sich auf. Dieses sterbliche Leben ist darin schon ewiges Leben. Wir leben in seinem ewigen Leben, auch wenn wir sterben.“

Das ewige Leben ist nicht nur Gemeinschaft mit dem göttlichen Leben, sondern auch die Gemeinschaft der Lebenden und Toten (mit Konsequenzen für die Erinnerungskultur). Vor allem ist es „in der Gemeinschaft der Erde“. Mit diesem Hinweis bestreitet Moltmann gnostische Bilder im Christentum: „Um es persönlich zu sagen: Ich will nach meinem Tod nicht „in den Himmel kommen“, sondern ich „erwarte die Auferstehung der Toten und das Leben der zukünftigen Welt.“ Die Teilnahme am Leben der Erde führt zu einem universalen Lebensgefühl in kosmischer Demut und Liebe. So ist Glaube an Gott nicht zunächst „der Seufzer der bedrängten Kreatur“ (Karl Marx), sondern wird im „Fest des Lebens“ erfahren. „Warum ist das Christentum eine einzigartige Religion der Freude, obwohl in seiner Mitte das Leiden und Sterben Christi am Kreuz stehen? Weil hinter Golgatha die Sonne der Auferstehungswelt aufgeht, weil der Gekreuzigte im Glanz des ewigen, göttlichen Lebens auf Erden erschienen ist, weil in ihm die neue, ewige Schöpfung der Welt beginnt.“

Freiheit versteht Moltmann gegen eine gewisse philosophische Tradition (Stoa, Kant, Marx) nicht als „Einsicht in die Notwendigkeit“, sondern als Einsicht in die Möglichkeit. Diese Freiheit ist nicht eine Harmonie der bestehenden Machtverhältnisse, sondern der Einklang mit dem Kommenden. Diese Freiheit wird in offener Freundschaft gelebt, weshalb Moltmann die Vorstellung von den Freunden Gottes aktualisiert. Sie erfordert eine Kirche, die sich als „Gemeinschaft der Freunde“ versteht. Im Unterschied etwa zur buddhistischen Lehre vom Leiden betont Moltmann die leidensbereite Liebesethik des Paulus, der die Fülle des Lebens in einem Reichtum der Begabungen (Charismen) sieht. Darum hat er Gemeinden als Gegenmodell zu der „Konkurrenzkultur“ des Römischen Imperiums geschaffen. Gegen eine einseitige Spiritualität der Seele plädiert Moltmann für eine Spiritualität aller Sinne. Wir erleben Gottes Gegenwart mit allen Sinnen. „Die ganze Schöpfung ist ein großes, wunderbares Sakrament seiner einwohnenden Gegenwart.“

In kritischer Auseinandersetzung mit Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ überdenkt Moltmann noch einmal seine eigene „Theologie der Hoffnung“, die er vor fünfzig Jahren geschrieben hat. „Leben in der Hoffnung ist kein halbes Leben unter Vorbehalt, sondern ganzes Leben im Erwachen in der Morgenröte des ewigen Lebens.“

Darum beschreibt er das christliche Leben abschließend als „Fest ohne Ende“ und endet mit einem Lobpreis in der Anbetung (Doxologie). „Wir stehen in der Anbetung Gottes nicht nur vor dem heiligen Geheimnis, sondern auch vor der unerschöpflichen Fülle Gottes. darum muss man nicht nur schweigen von dem, worüber man nicht sprechen kann, sondern auch über das sprechen, worüber man nicht schweigen kann. Das geschieht im Gottesdienst in der Doxologie.“

 

 

 

 

 

 

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