Archiv für den Monat Januar 2016

Sternstunden

Im Konfirmandenunterricht liebte unser Pastor es, von den “Heilígen zwei Königen” zu sprechen. Wenn wir ihn korrigieren wollten, grinste er und meinte: “Die waren keine Heilige, keine drei und auch keine Könige. Schaut genau in eure Bibel.“ Und tatsächlich: Da ist im Matthäusevangelium nur von „Magiern aus dem Osten“ die Rede. So erzog er uns gut protestantisch zu einer genauen Bibellektüre. Es war für ich eine intellektuelle Sternstunde.

Die Heiligen Drei Könige sind dennoch nicht aufzuhalten. Heute gehen sie in unserm Dorf von Tür zu Tür, singen und sagen ein Gedicht auf. Da wird klar, dass die Könige Caspar, Melchior und Balthasar“ heißen. Die Kinder sammeln zusammen mit den andern in Deutschland erhebliche Mittel ein. 50 Millionen Euro werden erwartet. Und dann segnen sie das Haus und malen mit Kreide „C+M+B“ über die Tür, das heißt auf lateinisch: „Christus Mansionem Benefica.“ Die Sitte wird mittlerweile auch in evangelischen Gemeinden übernommen. Eine Stern(viertel)stunde.

Magier aus dem Orient? Weise seien das gewesen, Sterndeuter oder Philosophen gar. Jedenfalls Heiden. Darum wurden sie auch nie offiziell heilig gesprochen, obwohl nach einer Legende der Apostel Thomas sie getauft haben soll. Im 3. Jahrhundert erst kommt die Bezeichnung „Könige“ auf. Vielleicht hat man sich an den Propheten Jesaja erinnert: „Völker wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz.“(Jes.60,3)

Politisch machten die Könige Karriere, als Kaiser Barbarossa 1162 ihre angeblichen Gebeine in Mailand raubte und sein Kanzler, der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel die Überführung geschickt als Zeichen der göttlichen Legitimation der kaiserlichen Herrschaft nach Köln überführte. Da liegen sie nun im Dom, der erst 1880 vollendet wurde.

Für die nüchternen Protestanten heißt das Fest heute „Epiphanias – Erscheinungsfest“. Das versteht kein Mensch. Es ist noch einmal ein kleines Weihnachtsfest – in der östlichen Orthodoxie ein großes!

Angela Rinn-Maurer spricht in ihrer schönen Rundfunkandacht im swr 2 von Sternstunden:

„Auch in meinem Leben hat es Sternstunden gegeben. Trotzdem fände ich es schön, wenn Gott mich heute mit noch einer zusätzlichen Sternstunde beglücken könnte. Eigentlich wäre ich auch mit einer Sternminute zufrieden, das müsste gewiss schon reichen, um diesen Epiphaniastag ganz besonders zu vergolden. Ich werde dann auch anderen davon erzählen und sie mit mir zum Strahlen bringen.“

Wir feiern im Gottesdienst der Tübinger Stiftskirche eine besondere Sternstunde.

Vor hundert Jahren ließ der Industrielle Paul Lechler in Tübingen ein Krankenhaus für Tropenkrankheiten bauen. Als sozial engagierter Protestant setzte Lechler seine vielfältigen Begabungen und finanziellen Mittel für Bedürftige ein. Ein ganz besonderes Anliegen war ihm die weltweite christliche Gesundheitsarbeit.

Mit der Gründung des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission im Jahre 1906 – dem späteren Klinikträger – waren folgende Ziele verbunden: die Anliegen der Ärztlichen Mission in Deutschland bekannter zu machen und zu fördern, in Übersee arbeitende medizinische Fachkräfte zu unterstützen sowie Missionare und medizinisches Personal in der Tropenmedizin auszubilden.
Auf seine Initiative hin und mit seiner Unterstützung wurde im Jahr 1906 das DIFÄM – Deutsches Institut für Ärztliche Mission e.V. gegründet, auch heute noch Träger der Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus in Tübingen. Die wachsende Zahl kranker Tropenrückkehrer führte zur Gründung des „Tropengenesungsheims“, das 1916 auf der Eberhardshöhe in Tübingen eingeweiht und bald zur zentralen Einrichtung für Tropenmedizin wurde.

Als wir nach unserer Mitarbeit in der Moravian Church in Tansania zurückkehrten, genossen wir die fachkundige Arbeit dieser nun modernen Klinik. Erst jüngst hat sich das DIFÄM in der Ebola-Krise verdient gemacht. Und es bewährt sich, wie die jetzige Direktorin Dr. Gisela Schneider heute im Gottesdienst sagte, auch bei der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen. Sie trägt ein besonders markantes Beispiel vor, eine echte Sternstunde.

 

 

 

 

 

Koran für Christen?

„Christen können von muslimischen Mitbürgern lernen“

 Gern höre ich im Deutschlandfunk die Sendung „Von Tag zu Tag“, in der über Religion in der Gesellschaft berichtet wird. Es geht heute in einem Interview mit Angelika Neuwirth wie häufig um den Islam.

Sie gehört zu den beliebtesten Interviewpartnern deutscher Journalisten, wenn es um den Koran geht. Professor Dr. Angelika Neuwirth ist Inhaberin des Lehrstuhls für Arabistik an der Freien Universität Berlin. Sie gilt seit Jahrzehnten als führende Koranforscherin in Deutschlands akademischer Welt. Seit knapp zehn Jahren verfolgt sie mit dem Projekt „Corpus Coranicum“ das umfangreiche Projekt einer Erschließung, Übersetzung und historisch-kritischen Auslegung des Korans. Die meisten gläubigen Muslime in Deutschland lehnen ihre Arbeit ab.

Sie sagt: „Was wir tun, ist die Wiederaufnahme einer hundert Jahre angehalten habenden aber inzwischen leider überhaupt nicht mehr praktizierten Lektüre. Nämlich zu fragen, wie eigentlich dieses Ereignis des Auftretens des Propheten Mohammed, das ja nicht nur mit einem Buch geendet hat, dem Koran, sondern auch mit einer Gemeinde, die sich alsbald auch qualifiziert hat als eine politisch mächtige Gemeinschaft, die im Stande war, die gesamte Landkarte des Nahen Ostens und darüber hinaus zu verändern. Uns geht es darum, wie ist zu erklären, dass aus diesem historischen Ereignis ein solcher Paradigmenwechsel erreicht werden konnte.“

Der Islam, das war von Beginn an eine komplexe Bewegung mit zahlreichen Denkschulen und politisch-gesellschaftlichen, ja militärischen Verflechtungen im „Denkraum Spätantike“, wie es Neuwirth ausdrückt.

„Ein ganz wichtiger Faktor ist natürlich dabei, dass es dieser Figur, die wir mit dem Propheten Mohammed identifizieren, gelungen ist, eine Gesellschaft, die weitgehend säkular war, um 180 Grad zu drehen zu einer Gesellschaft, die sich einer höheren Bestimmung bewusst war; die ihr Leben nicht als erfreuliche Frist des Genusses zu verstehen begann, sondern sich selber als ein Teil eines weltgeschichtlichen Ereignisses begriff.“

Man kann fragen, ob die vorislamische Kultur Arabien „säkular“ war. Wir würden gern mehr darüber wissen, wenn nicht Saudi-Arabien entsprechende Forschungen, etwa Archäologie auf eigenem Boden, verhindern würde.

Der Koran ist laut Neuwirth nicht historisches Zeugnis dieser Geschichte, sondern in erster Linie ein sakraler Text.

Man kann, ja muss den Koran mit den Mitteln moderner Literaturwissenschaft analysieren und dekonstruieren – um ihn dann als das, was er ist, wieder zu entdecken: als Gebetstext, als Hymnus. Und nicht als Gesetzbuch, das es 1:1 zu exekutieren gilt. So kann sich auch für christliche Leser und Zeitgenossen jener „Mehrwert“ neu erschließen, der laut Neuwirth in der islamischen Tradition schlummert.

Jetzt würde mich interessieren, worin dieser „Mehrwert“ entsteht. Was gibt es, was nicht schon im Christentum zu finden ist? Natürlich imponiert die auch öffentlich gelebte Frömmigkeit vieler Muslime. Heißt das aber, dass wir wieder pietistisch werden sollen? Sonntagspflicht wie früher? Enge Familienbindungen? Religiöse Kleiderordnung?

Sie sagt: „Wir könnten sehr von unseren muslimischen Mitbürgern lernen. Sie haben eine ganze Menge Werte noch zu Verfügung, die bei uns schon in Vergessenheit geraten sind. Und noch dazu haben sie diesen Zugang zum Sakralen: Sie können beispielsweise ohne rot zu werden sagen, dass sie zu ihrem Gebet gehen und dann wiederkommen. Das würden wir nur bei Mönchen als natürlich anerkennen.“

Da muss ich als Protestant protestieren. Unsere Werte mögen nicht so sichtbar sein, aber sie sind nicht nur in Kirchengemeinden lebendig.

Ich hörte diese Sendung, nachdem ich am Tag zuvor persönliche Informationen aus Nigeria über Boko Haram bekommen hatte. Gewalttätige Islamisten verbreiten Angst und Schrecken nicht nur in Europa und Asien, sondern auch in Afrika. Sie bekämpfen sogar den eigenen Islam. Wie würden sie wohl einen „Euro-Islam“ angreifen?

 

In Memoriam Karl Rennstich

Der Theologe, Historiker und Missionswissenschaftler Professor Karl Rennstich (78) ist gestorben. Er erlag am 19. Dezember 2015 in Reutlingen den Folgen eines schweren Sturzes. Die Trauerfeier findet am 4. Januar 2015 in Reutlingen statt.

Ich habe Rennstich näher kennengelernt bei einem Kurs „Führen und Leiten“ als Direktor des Pastoralkollegs der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in Bad Urach. Später wirkte er auf meinen Tagungen in der Evangelischen Akademie Bad Boll mit.

Er hat sich jahrzehntelang mit theologisch-ethischen Aspekten der Wirtschaft auseinandergesetzt. Im November noch hat er ein Manuskript mit dem Titel „Auf dem Weg zu einer christlich-islamischen Solidargemeinschaft“ vorgelegt.

Der Handwerkersohn Rennstich aus Stetten am Heuchelberg absolvierte eine Automechaniker-Lehre, ehe er Theologie studierte in Wuppertal und Basel. Im Auftrag der Basler Mission ging er 1965 bis 1972 mit seiner Familie nach Sabah (Ost-Malaysia). Dann war er bis 1977 Dozent am Trinitiy College in Singapur, wo er auch die Deutsche Evangelische Gemeinde gründete. Er wurde 1976 in Basel in Theologie promoviert.

Zurück in Deutschland leitete er zunächst den Dienst für Mission und Ökumene in Heilbronn, ehe er 1986 als Studienleiter an die Missionsakademie der Universität Hamburg berufen wurde. Ab 1992 baute er das Pastoralkolleg in Bad Urach auf. Zudem war er Privatdozent für Missionswissenschaften an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Basel ab 1985 und habilitierte sich dort 1988. Die Universität Basel ernannte ihn 1994 zum Professor.

Das für mich wichtigste Werk des Missionswissenschaftlers Rennstich ist “Korruption. Eine Herausforderung für Gesellschaft und Kirche“, Quell Verlag Stuttgart 1990.

Schon in seiner Doktorarbeit über Mission und wirtschaftliche Hilfe entdeckte er, dass Korruption eines der größten Hindernisse für eine menschliche Entwicklung ist. Zu seiner Verwunderung interessierte sich die akademische Theologie dafür wenig. Nach seiner Rückkehr von zwölfjähriger praktischer Kirchenarbeit in Asien Ende der 1970er Jahre beschäftigte er sich theologisch und politisch mit dem Thema bis zum Ende dieser Untersuchung 1987. Er hat dabei einen weiten Bogen geschlagen: Korruption als soziologisches, politisches und ökonomisches Phänomen. Dann aber in einem zweiten Teil „Korruption aus der Sicht der Bibel“ und schließlich im dritten Teil „Korruption als weltweite Herausforderung der christlichen Kirche“.

Am Ende kommt er zu dem Ergebnis, dass Korruption eines Auswirkung des Bösen ist und alle Menschen guten Willens zum Widerstand zwingt: „In allen großen Weltreligionen gab es immer wieder Menschen, die aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen die Korruption als eine Auswirkung des Bösen beim Namen nannten und vehement bekämpften. In Indien waren es im Altertum Kautilya und in neuerer Zeit Mahatma Gandhi, die in der Korruption ein Verbrechen gegen die Menschen sahen und entsprechend energisch dagegen ankämpften. Ähnliche Beispiele finden wir in der Geschichte des Islam und in der Geschichte der christlichen Kirchen. Auch im Sozialismus chinesischer und sowjetischer Prägung wird die Korruption von verantwortungsbewussten Politikern als Böses erkannt und bekämpft.

Doch mehr als in allen anderen Religionen und Ideologien ist im christlichen Glauben die Korruption als Sünde und somit als Feindschaft gegen Gott und Menschen bezeichnet. Die Kirchen können deshalb gar nicht anders, wenn sie ihrer Bestimmung, Kirche Jesu Christi sein zu wollen, treu bleiben möchten, als gegen die Korruption in ihren vielfältigen Formen energisch einzuschreiten. Indem die Christen bekennen, dass ihr Herr unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, sagen sie gleichzeitig, dass er ein Opfer der Korruption seiner Zeit geworden ist und auch im Kampf gegen diese sein Leben hingab. Die Warnungen der Bibel vor der Habsucht, die wir als eine Wurzel der Korruption erkannt haben, sind eindeutig und haben heute mehr als je aktuelle Bedeutung.

Der aktive Kampf gegen dieses schnell wuchernde Krebsgeschwür er Gesellschaft, das tödliche Folgen hat, ist die große Herausforderung der Kirche Jesu Christi und ein Feld für die Bekennende Kirche!…Sie weiß, dass sie die Hilfe dessen, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist, braucht, und betet deshalb: „Und erlöse uns von dem Bösen“ – aber sie tut das aktiv, indem sie gegen das Böse mutig zu Felde zieht, weil sie nur so als Kirche Jesu Christi seiner Gegenwart gewiss sein kann und auch getrost gewiss sein darf.“ S.227f.

Ein gutes Neues Jahr 2016

Wer meine Blogs unter wolfgangwagner.blog.de gelesen hat, wird sich freuen, dass ich demnächst mit diesem neuen Dienstleister wieder öffentlich schreibe. Allerdings muss ich mich nun wieder mit neuen Modalitäten und Techniken vertraut machen. Ich bin nicht so sehr an allen denkbaren Internet-Spielereien interessiert. Mir geht es darum, dass ich meine Gedanken zur Zeit aufschreibe und mit Leuten teile, die ähnliche Interessen haben. Es bleibt also erst einmal bei spröden Zeilen. Vielleicht komme ich irgendwann auch einmal auf mehr Grafik-Geschmack. Inhaltlich will ich es weiter so halten, dass meine Blogs nahe an dem bleiben, was ich täglich erlebe: also Tagebuch im klassischen Sinn.