Die Reformation radikalisieren

1968/69 studierte ich in Heidelberg vor allem Sozialethik und traf den jungen Dozenten Ulrich Duchrow, der gerade seine Habilitationsarbeit über Luthers Theologie geschrieben hatte, die mittlerweile gedruckt vorliegt: Christenheit und Weltverantwortung. Traditionsgeschichte und systematische Struktur der Zweireichelehre. 2. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 1983.

Darum habe ich mich gefreut, dass er in Tübingen einen Studientag zum Thema „Die Reformation heute radikalisieren“ abhält. Sechzig Leute sind gekommen, darunter viele Pfarrerinnen und Pfarrer. Zum Thema hat Duchrow ungeheuer viel publiziert, was er bei seinem Vortrag immer wieder zitiert. Er hat eine Initiative gestartet, die auch im Internet zu finden ist:

„2017 wird das Reformationsjubiläum stattfinden – 500 Jahre nach Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg. Angesichts der gegenwärtigen Krisen kann man dieses Ereignis nicht einfach feiern. Deshalb hat sich eine interdisziplinäre Gruppe von WissenschaftlerInnen zusammengetan, die Gelegenheit dieses Jubiläums dazu zu nutzen, folgende Fragen zu stellen: Hat die Reformation zur Entwicklung der westlichen Moderne und der auf sie zurückgehenden Krisen beigetragen und, wenn ja, wie? Wie kann eine neu verstandene und praktizierte Reformation dazu beitragen, diese Krisen zu überwinden? Das würde eine tiefe Umkehr und Transformation auf der Grundlage der Wurzeln der Reformation erfordern, das heißt aber buchstäblich, sie zu „radikalisieren“.Vgl. http://www.radicalizing-reformation.com/index.php/de.“

In drei Kapiteln nähern wir uns heute dem Thema:

  1. “Befreiung zur Gerechtigkeit. Von einer individualistischen zu einer politischen Rechtfertigungslehre“. Wir studieren eine Hauptschrift Luthers „Vom unfreien Willen“, in der deutlich wird, dass er die bis heute herrschende Logik des Aristoteles überwinden will, die vom Individuum ausgeht. Luther sieht aber den Menschen immer in Beziehung. In 94 Thesen werden ursprüngliche Ansätze Luthers gegen seine späteren Irrtümer fruchtbar gemacht. Sie gehen von der biblischen Befreiung aus, die (etwa im Galaterbrief des Paulus) die „Herrschaftsmacht des römischen Gesetzes“ herausfordert. Die „Tora Christi“ (Galater 6,2) lautet „Einer trage des anderen Last“. Man darf dieses Gebot nicht (wie meistens in der Volkskirche üblich) privatistisch verkürzen, sondern muss es gesellschaftlich fruchtbar machen. „Eine neue Praxis des Einswerdens durch Miteinander und Füreinander bringt eine neue Form des Menschseins und der Welt hervor.“ Bescheidener sollten Christen nicht sein.
  2. „Von Luthers Schriften gegen Juden und Muslime zur interreligiösen Solidarität für Gerechtigkeit“. Luthers antijüdische Schriften erschrecken immer wieder auf’s neue. Man kann sie erklären durch ein Missverständnis des „Gesetzes“, das Luther mit der Tora des Judentums (und dem Recht der Papstkirche) identifizierte. Dazu die neue These 76: „Eine postkoloniale Interpretation der Reformationstheologie fördert ein Projekt der Inkulturation, um zu unterstreichen, dass interreligiöser Dialog ein prophetischer Dialog sein muss.“ Duchrow verweist dafür auf jüdische und muslimische Befreiungstheologen.
  3. „Luthers Kritik am Frühkapitalismus – was sie uns heute zu sagen hat“. Kritik am Mammon ist kein „ethischer Anhang“, sondern wird bei Luther zentral aus Gotteslehre und Sakramentsverständnis abgeleitet. Kein Geringerer als Karl Marx hat sich immer wieder auf Luther bezogen und ihn zitiert. Mit ihm kann man eine „Manna-Ökonomie“ entfalten, der es um ein „Genug für alle“ geht.

 

26 Seiten „Reader“ können selbst mit Duchrows Redegeschwindigkeit nicht vollkommen bewältigt werden. Seine vielfältigen Buchempfehlungen werden einen geübten Leser mindestens ein Jahr beschäftigen. Das Wichtigste ist allerdings in den fünf Bänden „Die Reformation radikalisieren“ (Lit-Verlag) enthalten. Sie sind teilweise englisch und deutsch verfasst, was sie unnötig aufbläht. Außerdem wiederholen sich die ersten sechzig Seiten zu den Grundsätzen.

Dennoch ist dieses Unternehmen dringend nötig, auch wenn es sich vor allem an wissenschaftlich Interessierte wendet. Es käme nun darauf an, dass diese Erkenntnisse in die allgemeine Bildungsarbeit der Kirchen und weiteren Öffentlichkeit einfließen. Denn das darf man Martin Luther nicht antun, dass man die Erinnerung an ihn der Tourismusindustrie Sachsens überlässt.

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