DLF erklärt den Koran

Freitags höre ich gern im Deutschlandfunk (DLF) die kurze Sendung „Koran erklärt“. Man bekommt eine gute Einführung in den Koran und einen Überblick über die verschiedensten Auslegungen.

Mein Interesse am Koran, über den ich in der Schule rein gar nichts gehört hatte, begann mit einer Reise in die Türkei 1967, wo ich Studentinnen traf, die zu meiner Überraschung engagierte Musliminnen waren. Bis dahin hatte ich den Islam für eine überholte Angelegenheit alter Männer gehalten. Im meinem Studium der Theologie war der Islam auch nicht vorgesehen, aber an der Universität ist niemand gehindert, sich in anderen Disziplinen umzusehen. Ein gewisses Islam-Studium war später hilfreich, als ich interreligiöse Tagungen organisieren konnte. Da hatte ich es allerdings vor allem mit Islam-Verbänden zu tun, die an einer kritischen Koran-Lektüre nur wenig Interesse hatten.

In der multimedial begleiteten Sendereihe „Koran erklärt“ des DLF erläutern Islamwissenschaftler jeden Freitag ausgewählte Verse des Korans. Es werde sogar an Stammtischen inzwischen über das Werk geredet – deshalb sollte man es auch mal vorstellen, begründet Deutschlandradio-Intendant Willi Steul das Projekt. Den Koran könne man nur verstehen, indem man ihn in seinen historisch-exegetischen Zusammenhang stelle. (Ähnliches könnte man auch über die Bibel sagen!)

Heute geht es um den Vers 1 aus Sure 54: „Die Stunde ist nah, und der Mond hat sich gespalten.“ Wie soll man das verstehen?

Prof. Marco Schöller Uni Münster: „Die Stunde“ bezeichnet höchstwahrscheinlich die Stunde des Jüngsten Gerichts. Demnach beschreibt die Mondspaltung ein Ereignis, welches den nahenden Gerichtstag ankündigt. Es handelt sich somit um ein Anzeichen für den Beginn der Endzeit, wie es an vielen Stellen des Korans ähnlich geschildert wird. Tatsächlich aber gehen die muslimischen Koranausleger mehrheitlich davon aus, dass es sich bei der erwähnten Mondspaltung um ein Wunder handelt, das sich zur Zeit des Propheten zugetragen haben soll. Als die Ungläubigen ihm nämlich nicht glaubten, der wahre Gottgesandte zu sein, ließ Gott ein Wunder sichtbar werden: Über den Bergen von Mekka teilte sich der Mond in zwei Hälften, die in den Osten und den Westen wanderten, um sich anschließend wieder zu vereinen.“

Was denn nun? Wir können das aus heutiger Sicht nicht mehr klären. Der Koran bleibt in diesen Passagen ein besonders schwierig zu entschlüsselnder Text. Wenn es sich aber um endzeitliche Ereignisse handeln sollte, was nicht unwahrscheinlich ist, dann enthielte der Koran weit weniger historische Informationen als allgemein angenommen wird.

Ich könnte mir vorstellen, dass diese Erklärung gläubigen Muslimen nicht gefällt. Noch weniger die Analyse der letzten Woche. Der Koran gilt Muslimen als authentisches, unverfälschtes Wort Gottes. Man darf ihn interpretieren, aber nicht ein einziger Buchstabe darf verändert werden. Dennoch gibt es Indizien, dass genau das geschehen ist, meint Dr. Munther A. Younes, Cornell University, Ithaca, New York, USA.

Es gibt neben solchen wissenschaftlichen auch eher konservative Erklärungen gläubiger Musliminnen. Insgesamt sind es aber eher die liberalen Vertreter des Islam, die wir Nichtmuslime gern lesen und hören. Die reaktionären, in der islamischen Welt aber weit gewichtigeren Stimmen sind nicht vertreten. Dass der DLF (im Unterschied zu den neuen deutschen Islaminstituten an den Universitäten) die Islamverbände nicht einbezogen hat, wundert mich nicht. Ich fürchte darum, dass Muslime diese Sendung kaum hören. Die meisten Imame haben ihre eigenen traditionsgeleiteten Erklärungen, wenn sie nicht sogar (wie bei DITIB) von der türkischen Religionsbehörde vorgeschrieben sind.

Den Koran kann man sicher durch solche Auslegungen besser verstehen, den Islam insgesamt aber noch lange nicht. Dazu gehört seine reichhaltige, widersprüchliche Auslegungsgeschichte, die Prophetenerzählungen („Hadithe“) und die gegenwärtige politische Landschaft.

 

 

 

 

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