Reformation feiern?

Soll man die Reformation feiern?

Neujahrsempfang mit einem kirchengeschichtlichen Vortrag über die Reformation in Reutlingen: Viel erwarte ich mir davon nicht. Dann aber bin ich begeistert von dem rhetorischen Feuerwerk, das der Kollege Dr. Wolfgang Schöllkopf entzündet. Er ist Pfarrer am Stift Urach und landeskirchlicher Beauftragter für württembergische Kirchengeschichte.

Mein erster Lehrer für Kirchengeschichte war Professor Karl Kupisch in Berlin. Er fand, Geschichte müsse erzählt werden. Entsprechend unterhaltsam waren seine Vorlesungen, wenn auch ältere Semester über seine „Märchenstunde“ schnödeten. Immerhin empfahl er mir das damals neue Buch von Karlheinz Deschner „Abermals krähte der Hahn“. Wer das (oder die folgende „Kriminalgeschichte des Christentums“) gelesen hat, ist vor unkritischer Beweihräucherung der Kirchengeschichte gefeit. Mein Blick auf die Reformation war allerdings norddeutsch geprägt. Im Unterricht hatte ich viel von Johannes Bugenhagen und natürlich Martin Luther gehört. Schließlich traf man sich in meiner Heimatstadt an der „Luther-Eiche“ und meine Landeskirche Hannover bezeichnete sich ausdrücklich als „evangelisch-lutherisch“.

Als ich 1969 nach Tübingen umzog, musste ich mich erst mit der Geschichte der Landeskirche Württemberg beschäftigen. Meine Kenntnisse sind also ergänzungsbedürftig. Da kam mir der Vortrag über die Reformation in unserer Nachbarstadt gerade recht. Noch immer spürt man ja einen gewissen Gegensatz zur Universitätsstadt Tübingen, obwohl oder gerade weil beide Städte so nahe beieinander liegen und eben auf eine sehr verschiedene Geschichte zurückblicken.

Die Reformation in der ehemaligen freien Reichsstadt Reutlingen mit ihren damals gerade mal 4000 Einwohnern ist eng mit dem Namen Matthäus Alber (1495-1570) verbunden. Der Sohn eines Reutlinger Goldschmieds studierte an der Universität Tübingen bei Philipp Melanchthon. 1520 wechselte er nach Freiburg, wo er auch die Schriften Luthers studierte. Luther selber war nie in Württemberg. Als ihn 1521 die Reutlinger zum Prädikanten beriefen, predigte er sehr zum Missfallen des Bischofs und der Regierung das reine Evangelium. Die Reutlinger Bürgerschaft drängte ihren Rat dazu, sich auf die neue Lehre festzulegen. Das war immerhin ein Anflug von Demokratie, wenn auch nur 15% der Bewohnerschaft stimmberechtigt war.

Die Stadt gehörte 1529 zu den Vertretern der protestantischen Minderheit (Protestation) am Reichstag zu Speyer. Ihre Bürgerschaft forderte die ungehinderte Ausbreitung des evangelischen Glaubens. Nürnberg und Reutlingen waren die beiden Freien Reichsstädte im süddeutschen Raum, die sich 1530 durch Erstunterzeichnung zur evangelischen Confessio Augustana in Augsburg bekannten.

(Über lange Zeit war das Privileg, das Bürgerrecht der Stadt erwerben zu können, Protestanten vorbehalten. Juden waren bis in die 1860er Jahre gänzlich aus der Stadt verbannt. Katholiken wurden allenfalls als Dienstboten geduldet.)

Matthäus Alber nahm nicht wie andere spätere Reformatoren an der berühmten Heidelberger Disputation teil, in der Luther seine Thesen erklärte. Mit seinen Ausführungen grenzte sich Luther von der scholastischen Theologie in all ihren unterschiedlichen Schattierungen ab. Zwar konnte er keinen der Professoren überzeugen; wohl aber stieß er bei den anwesenden Studierenden auf begeisterten Zuspruch – u.a. bei Johannes Brenz, den späteren Reformator von Schwäbisch Hall, Erhard Schnepf, dem Ulmer Reformator Martin Frecht sowie der Zentralfigur der oberdeutschen Reformation, Martin Bucer. Auch wenn manche von ihnen später eigene Wege gehen sollten, war für sie alle die persönliche Begegnung mit dem Wittenberger Reformator prägend. „Insofern war Luthers Auftritt in Heidelberg nicht nur ein theologisches Ereignis, sondern ein wichtiges Anfangsdatum der südwestdeutschen Reformation überhaupt“.

Ich lerne, dass die Reformatoren junge Leute waren, die in einer Zeit, die (wie heute?) „aus den Fugen“ geraten war, eine neue politische und spirituelle Grundlage schufen. Die liturgischen Einflüsse kamen eher aus Straßburg oder der Schweiz, weshalb die Württemberger bis heute eher schlichte reformierte Gottesdienste pflegen. Als die Reutlinger bei Luther in Wittenberg anfragten, wie sie diese gestalten sollten, legte er sie nicht auf seine deutsche Messe fest, sondern gestand ihnen eine eigene kirchliche Entwicklung zu. Formen und Kirchenordnung sind zweitrangig. Wichtig ist allein, dass Christus verkündigt wird.

Am 4.1.1526 schrieb er an „alle lieben Christen in Reutlingen“: Er akzeptiere, dass sie zwar die reformatorische Lehre übernommen haben, nicht aber die Gottesdienstform der deutschen Messe, sondern bei ihrem schlichten reichsstädtischen Predigtgottesdienst geblieben sind. Diese Weichenstellung wird genau so 1534 für Württemberg gelten, als die Reformation im Land eingeführt wird. Dies konnte erst so spät geschehen, weil Herzog Ulrich wegen unbotmäßigen Verhaltens gegen den Kaiser –zuletzt den militärischen Angriff auf die Reichsstadt Reutlingen –von dessen Truppen 1519 vertrieben worden war. Erst 15 Jahre später durfte er zurückkehren und die Reformation in Württemberg einführen.

So ist es bis heute geblieben. Die Württembergische Landeskirche ist im Bekenntnis lutherisch, in der Liturgie „oberdeutsch“ und in der Kirchenverfassung ein eigenes Gewächs. Darum habe ich mich in ihrem Dienst immer wohl gefühlt.

Soll ich die Reformation feiern? Am besten so, dass ich von ihr lerne. Dazu gehört auch ein selbstkritischer Umgang mit Geschichte und Gegenwart der Kirche.

 

 

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