Sexuelle Gewalt

Ich kann als Seelsorger kaum glauben, was mir die Frau erzählt: Sie sei seit dem 5. Lebensjahr mehrfach sexuell missbraucht worden vom Nachbarn, später öfter vergewaltigt, vom Therapeuten und Ärzten allein gelassen. Sie traut niemand mehr. Warum kommt sie dann zu mir? Sie will sich nur einmal unterhalten. Die Kirche sei ja auch nicht besser, aber sie glaube noch immer an Gott. Ich höre mir sie zwei Stunden an, hin- und hergerissen, ob ich das glauben soll. Ist letztlich nicht entscheidend. Dass die Frau leidet, ist nicht zu übersehen. Meine Versuche scheitern, sie zu einem Therapeuten zu lotsen.

Seit ich gestern die Filme „Operation Zucker“ und „Jagdgesellschaft“ in der ARD samt „Maischberger“ gesehen habe, muss ich alles glauben. Selten hat mich ein Film so erschüttert, obwohl er m.E. allzu viele Stilelemente der heutigen Krimis benutzt. Wenn dadurch aber die Öffentlichkeit aufgerüttelt wird, soll es recht sein.Vgl. http://www.daserste.de/unterhaltung/film/themenabend-kinderhandel-und-missbrauch/talk/index.html

Volker Herres, Programmdirektor des Ersten, zum Film:„Es passiert jeden Tag. Überall in Deutschland. Der Missbrauch von Kindern ist eins der schrecklichsten Verbrechen, weil es junge Menschen zerstört und lebenslang zeichnet. Und es ist ein lukratives Geschäft: UNICEF schätzt, dass weltweit mit Kinderhandel und Kinderprostitution bei stetig steigender Nachfrage mehr Geld verdient wird als mit Waffen.

‚Operation Zucker. Jagdgesellschaft‘ zeigt eine perfide Organisation, die hinter bürgerlicher Fassade ihren Mitgliedern Kinder ‚zur Verfügung‘ stellt. Die Täter gehören zur besten Gesellschaft und werden durch ein Netz von Mitwissern in verantwortlichen Positionen gedeckt. Die LKA-Kommissarin Karin Wegemann, durch ihre Ermittlungen in ‚Operation Zucker‘ traumatisiert, hofft, diesmal etwas gegen die ‚Jagdgesellschaft‘ unternehmen zu können. Nadja Uhl verkörpert Karin Wegemann mit einer Intensität, die uns in jeder Sekunde die Verzweiflung, aber auch den Willen der Figur spüren lässt. An ihrer Seite steht Mišel Matičević als Kommissar Ronald Krug, der feststellen muss, dass sich die Täter auch in seinem persönlichen Umfeld befinden.
Alles Fiktion? Leider nein, denn der Film beruht auf sorgfältig recherchierten Tatsachen. Die Produzentin Gabriela Sperl, die Drehbuchautoren Friedrich Ani und Ina Jung sowie die Regisseurin Sherry Hormann sind tief eingestiegen in diesen Sumpf von Gewalt, mafiösen Strukturen und schnell verdientem Geld. Was sie zutage gefördert haben, ist schwer erträglich, aber genau deswegen sollten wir genau hinsehen.“

Talkshows schaue ich normalerweise nicht gern. Zu oft geht es eben um Show und nicht um Erkenntnis. Doch jetzt ist das bei „Maischberger“ anders:

Julia von Weiler (Psychologin „Innocence in Danger e.V.“):Es sei durchaus denkbar, dass – wie im Film – gut vernetzte Personen wie z.B. auch ranghohe Justizbeamte oder Politiker kriminellen Gruppen bildeten, deren Ziel Kindesmissbrauch ist. Die Zahl der Missbrauchsfälle sei zwanzig Mal höher als in der Kriminalstatistik.“

„Der sexuelle Missbrauch von Kindern ist eine in Deutschland in ihrem Ausmaß und ihren Folgen verkannte, vielfach noch immer tabuisierte und ignorierte Kriminalität“, beklagt der Polizist Manfred Paulus, der 25 Jahre lang bei sexuellen Gewalttaten ermittelte. Die Straftäter kämen auch aus hoch angesehenen Kreisen. „Akademiker sind in diesem Täterkreis nicht unterrepräsentiert“, sagt der Experte (Buch: „Pädokriminalität weltweit“).

Johannes-Wilhelm Rörig (Beauftragter der Bundesregierung): Es habe generell Jahrzehnte gebraucht, bis die Relevanz des Missbrauchs in der Politik angekommen sei.

Kindermissbrauch sei ein so exorbitantes Verbrechen, eine solche Grenzüberschreitung, dass das Vertrauen der Menschen in Polizei und Justiz erschüttert sei, wenn es um die Ahndung solcher Taten gehe, sagt die bekannteste deutsche Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen („Spiegel“).

„Es handelt sich bei sexuellem Missbrauch nicht um Einzelfälle, er ist in der Gesellschaft fest verankert und findet überall statt“, sagt der Gymnasiallehrer Andreas Huckele. Viele Jahre wurde er auf dem einstigen Vorzeige-Internat Odenwaldschule fast täglich missbraucht. „Was ist eine Demokratie wert, die sich als unfähig erweist, die Kinderrechte durchzusetzen und damit ihre schwächsten Bürger zu schützen?“, fragt der dreifache Vater und fordert unter anderem die Abschaffung der Verjährungsfristen für Täter.

Als ich in den neunziger Jahren eine mehrseitige Handlungsanweisung gegen sexuellen Missbrauch von meinem Oberkirchenrat ins Pfarramt bekam, habe ich noch entrüstet widersprochen. Mir reiche das Sechste Gebot. Heute würde ich nicht mehr protestieren, sondern mehr Fortbildung begrüßen.

Das Gebot lautet übrigens im Kleinen Katechismus Martin Luthers, den ich als Konfirmand noch auswendig hersagen musste: „Du sollst nicht ehebrechen. (Was ist das?) Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir keusch und zuchtvoll leben in Worten und Werken und in der Ehe einander lieben und ehren.“ Finde ich immer noch gut.

 

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