Im Schlachthof

Seltene Idee eines Ruhestandskollegen: Er möchte mit anderen Pfarrern i.R. den Rottenburger Schlachthof besuchen. Da ich in der Nähe wohne, vermittle ich einen Termin. Und gehe anstandshalber auch selber hin. Der ehemals städtische Schlachthof (gebaut 1904) ist mittlerweile privatisiert. Er preist sich  im Internet an:http://www.schlachthof-rottenburg.de.“Der Schlachthof Rottenburg ist Ihr kompetenter Schlachthof in Tübingen. Wir sind ein erfahrener Zerlege- und Schlachtbetrieb für Rind, Schwein, Lamm und Pferd. Unser Schlachtbetrieb ist Ihr professioneller Schlachthof in Tübingen (Rottenburg am Neckar). Seit mehreren Jahren verrichten wir sowohl für private als auch für gewerbliche Kunden Zerlege- und Schlachtarbeiten in bester Qualität. Für Fragen und Wünsche steht Ihnen das Team vom Schlachthof Rottenburg, Ihrem Schlachthof in Tübingen, gerne zur Verfügung.“

Na gut. Der Besitzer sieht aus wie man sich einen Schlachter vorstellt. In einem blutbefleckten Kittel führt er uns zunächst zu den Ställen. Ein paar Schweine warten auf die Schlachtung am Abend. Wenn man die munteren Tiere sieht, gibt es einem schon einen Stich ins Herz. Jetzt am Nachmittag ist nichts weiter los.

Wir sehen die Station, wo die Tiere betäubt werden. Geschächtet wird hier nicht, das ist in Deutschland (außer Berlin) verboten. Da wird der Chef sogar richtig emotional: „Das ist schrecklich!“ Nicht weniger schrecklich erscheint mir der handwerklich ausgeführte Stich und das Ausbluten in einer Wanne. Dann werden Haut und Haare entfernt. Nun geht es an den Haken und „gelernte Metzger“ zerlegen das Tier. Sie sind auf 400 €-Basis angestellt. Zwei Tierärztinnen untersuchen die lebendigen Tiere und nun das Fleisch, das letztlich am Haken weitergeführt wird in die Kühlkammer. Da können wir die Schweinehälften bewundern.

Es schließt sich eine Diskussion über die Fleischproduktion in Deutschland an. Dieser Betrieb ist vergleichsweise klein mit lediglich regionaler Bedeutung. Man weiß aber wenigstens, woher die Tiere kommen und welcher Metzger sie verarbeitet. Der Konkurrenz- und Preisdruck der Supermärkte ist allerdings enorm.

Gerade in diesen Tagen der „grünen Woche“ („Alle bekennen sich zum Tierwohl“) liest man ja überall von den Schwierigkeiten der Bauern. „Schweinezüchtern stinkt es“. (Für ein Kilo Schweinefleisch bekommt der Erzeuger 1,28 €.)

Ich weiß: Konsequent wäre eine vegane oder vegetarische Ernährung. Dazu kann ich mich noch nicht entschließen. Aber wir reduzieren den Fleischkonsum wie in meiner Kindheit, als es einmal am Sonntag ein Kotelett gab. Ich bin auch bereit, künftig zu unserm Dorfschlachter zu gehen, selbst wenn ich dann hinter schwäbischen Hausfrauen stehe und geduldig deren Handel anhören muss. Die achten natürlich nur auf Preis und Geschmack, aber scheren sich nicht um Produktionsbedingungen. Einmal mehr fordere ich, dass der Wirtschaftsteil der Lokalzeitung sich nicht nur an Aktienbesitzer richten sollte, sondern vor allem an Konsumenten. Beim Einkauf stimmen wir ja täglich über unsere Zukunft ab. Natürlich kann man sich im Internet genauer informieren, aber wer tut das schon? Vgl. https://www.foodwatch.org/de/startseite.

In religiöser Hinsicht gestatten die abrahamischen Religionen den Fleischverzehr, schränken ihn aber ein. Lediglich der Protestantismus war lange stolz, dass er keine Speisegebote kennt. Dafür betont er die Eigenverantwortung. Es gibt jedenfalls keine Pflicht zum Fleischkonsum. Die heutige Ernährungsindustrie konnte sich bis vor wenigen Jahren niemand vorstellen. Noch mein Großvater, Dorfpastor in Mecklenburg vor dem Krieg, hielt ein einziges Schwein, das ein Jahr für die große Familie reichen musste.

Vielleicht sollte der Rottenburger Schlachthof öfter Führungen veranstalten. Man kommt ins Nachdenken.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s