Schlatterhaus umbenennen

In den achtziger Jahren hatte ich als Studentenpfarrer häufig im Tübinger Adolf-Schlatter-Haus zu tun. Es ist das Zentrum der Tübinger Evangelischen Studentengemeinde. Allerdings gefiel uns damals die Benennung nach diesem konservativen Theologen nicht. Doch ein neuer Name war nicht möglich. Dass die theologische Fakultät in Tübingen in der Nazizeit ziemlich braun gewesen war, war mir seit 1968 bewusst. Adolf Schlatter selbst war kein Nazi, aber in der Haltung zum Judentum sehr ambivalent.

Heute abend schlug Professor Matthias Morgenstern anlässlich einer Buchvorstellung eine Umbenennung nach Charles Horowitz vor. Dieser war vor der Nazizeit ein jüdischer Mitarbeiter des evangelischen Theologen, half ihm angesichts seiner mangelhaften Hebräischkenntnisse bei der Übersetzung des Talmud, musste dann aber vor dem Naziterror nach Frankreich flüchten und untertauchen. Er konnte nach dem Krieg nicht mehr in Tübingen Fuß fassen.

Eigentlich ging es um das Buch: Matthias Morgenstern (Hrsg.), Reinhold Rieger (Hrsg.):Das Tübinger Institutum Judaicum, Franz Steiner Verlag 2015.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Judentum an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen begann mit der Berufung Adolf Schlatters (1852–1938) zum Sommersemester 1898. Aufgrund judenfeindlicher Äußerungen Schlatters und wegen der Verstrickung seines Nachfolgers Gerhard Kittels in den Nationalsozialismus waren der Neubeginn der Arbeit nach dem 2. Weltkrieg und die Gründung des Institutum Judaicum durch Otto Michel (1903–1993), der selbst Mitglied der NSDAP gewesen war, historisch belastet. Michels Bestreben war darauf gerichtet, nach der Schoah jüdische und christliche Forscher wieder zusammenzubringen; zugleich verschwieg er aber seine eigene Vergangenheit.

In der Diskussion über Schlatter ging es vor allem um eine Altersschrift von 1935, in der er sagt, Jesus sei der Überwinder und der größte Feind des Judentums: „Die nordische Seele ist deshalb dazu angelegt, etwas von der Größe Jesu zu spüren, weil sie die verabscheut, die sich feig und weichlich nur um ihr eigenes Wohlsein bemühen. Gegen diesen Missbrauch des Lebens hat keiner so ernst und so sieghaft gestritten, wie Jesus es tat. Einen gewaltigeren Widersacher als ihn hat das Judentum nie gehabt.“ War das nun krasser Antisemitismus? Oder im gegenteiligen Sinn „eine geradezu leidenschaftliche Absage an die Verherrlichung der arisch-nordischen Rasse einerseits und die Geringschätzung der jüdischen Rasse andererseits“? Die Schrift wurde immerhin von der Gestapo „wegen ihrer unsachlichen Stellungnahme zu den weltanschaulichen und rassischen Problemen des nationalsozialistischen Staates beschlagnahmt und eingezogen“ sowie auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt. Die Diskussion wird sichetrlich weitergehen. Leider haben sich kaum Studenten daran beteiligt. Ist das für sie „Schnee von vorgestern“?

Neben den theologischen Beiträgen gibt es einen lokalhistorischen von Hans-Joachim Lang „Tübingen nach dem Holocaust“, in dem er beschreibt, wie mühevoll die Aufarbeitung der Vergangenheit war und ist.

Ich bin darum dafür, dass das Schlatterhaus nach Charles Horowitz umbenannt wird.

 

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