Wozu ist das Alte Testament gut?

Lieber H.

Du hast mir einen Kirchenzeitungs-Artikel „Neue Runde im Professorenstreit um Altes Testament“, (die kirche Nr.50, 13.12.2015) über eine Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin geschickt und bemerkt “Für uns „Laien-Christen” ist dieser Disput absolut irrelevant…” Ich verstehe diese Aussage ganz gut aufgrund Deiner diakonischen Erfahrungen. In der Praxis gibt es andere Prioritäten. Und christlicher Glaube besteht zunächst einmal im praktischen Engagement.

Daneben ist aber auch das Verstehen und Nachdenken über den Glauben wichtig. Dazu ist prinzipiell die Evangelische Theologie da. Wir Protestanten haben nämlich kein päpstliches Lehramt, das sagt, was gilt, sondern wir müssen selber denken. Die wissenschaftliche Theologie kann uns dabei anleiten. Sie kann uns natürlich auch verführen, denn Professoren streben nicht immer nur nach reiner Wahrheit, sondern sind manchmal auch schlicht eitel oder rechthaberisch.

Wenn wir also die Bibel lesen, die die Quelle unseres Glaubens ist, dann müssen wir sagen, welche Bedeutung das Alte Testament hat. Wir sind ja keine Juden, in deren Religion und Kultur die Schriften entstanden sind, die wir Altes Testament (AT) nennen.

Manche Christen meinen nun, wie mir mal einer sagte: „Das AT geht uns doch nichts an“. Er dachte wohl: „alt“ meint „veraltet“. Das denkt unsere Kirche nicht. Aber wie dann?

Da gibt es in der Kirchengeschichte zwei Extreme, die immer wieder variiert werden:

Die einen finden wie schon der Bischof Markion im 2. Jahrhundert oder der liberale Theologe Adolf von Harnack: Das AT ist eine Vorläufer-Schrift; der Gott Jesu ist darin nicht zu finden. Wir können es nicht „Gottes Wort“ nennen. Diese Position haben die „Deutschen Christen“ (DC) in der Nazi-Zeit so extrem vertreten, dass sie die ganze Bibel „entjuden“ wollten. Man hat gesehen, wohin wir kommen, wenn einem ganzen Volk die Zehn Gebote aus dem AT zu dumm sind. Diese Episode unserer Kirche erklärt, warum der Streit um die Thesen des Dogmatikprofessors Notger Slenczka solche Wellen schlägt. Man bringt ihn – sicher fälschlich – in die Nähe der DC-Position.

Das andere Extrem ist nach dem Krieg eine Kehrtwende im Verhältnis zum Judentum. Anders als früher lernen wir Bibelverständnis auch von Rabbinern. Aufgrund der jüdisch-christlichen Dialoge hat man allerdings bei manchen Theologen den Eindruck, dass ihr Christentum ein Judentum für Heiden ist.

Dazwischen gibt es alle möglichen Positionen, darunter meine: Ich frage mit Martin Luther die ganze Bibel danach, „was Christum treibet“. Gemeint ist, dass wir das Evangelium schon im Alten Testament entdecken können, aber im Neuen Testament auch manch „stroherne Epistel“ ist. Will sagen: Ohne theologische Sachkritik, die bereits die Apostel geleistet haben, geht es nicht. Sie lehnten schon die Speisegesetze, Vorschriften wie die Beschneidung und manches andere ab.

Die heutige wissenschaftliche Theologie baut darauf, aber auch auf Kirchenväter, Reformation und Aufklärung auf. Sie analysiert zunächst die Bibel wie andere antike Texte historisch-kritisch, fragt dann aber nach der heutigen Bedeutung. Dazu gibt es in der theologischen Hermeneutik (Kunst des Verstehens) eine Fülle von aufregenden Methoden. Man muss sich einmal klar machen, dass kluge und weise Menschen seit bald 2000 Jahren sich mit diesen Texten beschäftigen.

Heute liebe ich das Alte Testament für seine Schöpfungserzählungen und Psalmen, die mich zur Verantwortung für die Schöpfung inspirieren. Ich liebe prophetische Texte, aber auch manche Gesetzestexte, die mich an den Kampf für Gerechtigkeit – das häufigste Wort im AT! – erinnern. Ich liebe das AT nicht zuletzt, weil es die Nächstenliebe erfunden hat, auf die Jesus, der nur diese Schrift kannte, mit der Feindesliebe aufbaut.

Der „Laien-Christ“ muss sich darum nicht so kümmern wie ein Prediger, der immer wieder einen Abschnitt aus dem Alten Testament „auszulegen“, also im Horizont unserer Zeit zu aktualisieren hat.

Der „Laien-Christ“ darf sich also auf die biblischen Stellen konzentrieren, die ihm Evangelium, d.h. heilbringende Botschaft sind. Die Kirche darf das nicht. Sie muss den ganzen Schatz weitertragen.

Auslegungen sind nämlich immer abhängig von der jeweiligen Zeit und ihrer Kultur, also relativ. Meine afrikanischen Studenten haben beispielsweise das AT ganz anders gelesen. Sie fühlen sich der dort beschriebenen Kultur weit näher als ich aus einem Industrieland kommend. So haben auch in Deutschland gewisse Kapitel des AT lange kaum eine Rolle gespielt. Plötzlich aber werden sie wieder entdeckt..

Übrigens gibt es in der Evangelischen Kirche eigentlich keine „Laien“, sondern es gibt das Priestertum alle Gläubigen. Darum haben die ersten Missionare unseren Vorfahren lesen und schreiben beigebracht; darum haben die Reformatoren Schulen gegründet und etwa die Landeskirche Württemberg 1649 (!) für die allgemeine Schulpflicht gesorgt. Der Christ soll eben gebildet selber denken und seine Bibel verstehen. Und darüber hinaus noch einiges mehr!

Heute geben wir in unserer Kirche viel Geld für Unterricht und Erwachsenenbildung aus, wozu auch die Evangelischen Akademien – die gerade nicht in erster Linie sich an Theologen wenden – gehören. Es ist ein gutes Zeichen, wenn die Anmeldezahlen jener Berliner Tagung alle Erwartungen übertroffen haben.

 

Beste Grüße an die Hauptstadt

Wolfgang

 

 

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