Sternstunden

Im Konfirmandenunterricht liebte unser Pastor es, von den “Heilígen zwei Königen” zu sprechen. Wenn wir ihn korrigieren wollten, grinste er und meinte: “Die waren keine Heilige, keine drei und auch keine Könige. Schaut genau in eure Bibel.“ Und tatsächlich: Da ist im Matthäusevangelium nur von „Magiern aus dem Osten“ die Rede. So erzog er uns gut protestantisch zu einer genauen Bibellektüre. Es war für ich eine intellektuelle Sternstunde.

Die Heiligen Drei Könige sind dennoch nicht aufzuhalten. Heute gehen sie in unserm Dorf von Tür zu Tür, singen und sagen ein Gedicht auf. Da wird klar, dass die Könige Caspar, Melchior und Balthasar“ heißen. Die Kinder sammeln zusammen mit den andern in Deutschland erhebliche Mittel ein. 50 Millionen Euro werden erwartet. Und dann segnen sie das Haus und malen mit Kreide „C+M+B“ über die Tür, das heißt auf lateinisch: „Christus Mansionem Benefica.“ Die Sitte wird mittlerweile auch in evangelischen Gemeinden übernommen. Eine Stern(viertel)stunde.

Magier aus dem Orient? Weise seien das gewesen, Sterndeuter oder Philosophen gar. Jedenfalls Heiden. Darum wurden sie auch nie offiziell heilig gesprochen, obwohl nach einer Legende der Apostel Thomas sie getauft haben soll. Im 3. Jahrhundert erst kommt die Bezeichnung „Könige“ auf. Vielleicht hat man sich an den Propheten Jesaja erinnert: „Völker wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz.“(Jes.60,3)

Politisch machten die Könige Karriere, als Kaiser Barbarossa 1162 ihre angeblichen Gebeine in Mailand raubte und sein Kanzler, der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel die Überführung geschickt als Zeichen der göttlichen Legitimation der kaiserlichen Herrschaft nach Köln überführte. Da liegen sie nun im Dom, der erst 1880 vollendet wurde.

Für die nüchternen Protestanten heißt das Fest heute „Epiphanias – Erscheinungsfest“. Das versteht kein Mensch. Es ist noch einmal ein kleines Weihnachtsfest – in der östlichen Orthodoxie ein großes!

Angela Rinn-Maurer spricht in ihrer schönen Rundfunkandacht im swr 2 von Sternstunden:

„Auch in meinem Leben hat es Sternstunden gegeben. Trotzdem fände ich es schön, wenn Gott mich heute mit noch einer zusätzlichen Sternstunde beglücken könnte. Eigentlich wäre ich auch mit einer Sternminute zufrieden, das müsste gewiss schon reichen, um diesen Epiphaniastag ganz besonders zu vergolden. Ich werde dann auch anderen davon erzählen und sie mit mir zum Strahlen bringen.“

Wir feiern im Gottesdienst der Tübinger Stiftskirche eine besondere Sternstunde.

Vor hundert Jahren ließ der Industrielle Paul Lechler in Tübingen ein Krankenhaus für Tropenkrankheiten bauen. Als sozial engagierter Protestant setzte Lechler seine vielfältigen Begabungen und finanziellen Mittel für Bedürftige ein. Ein ganz besonderes Anliegen war ihm die weltweite christliche Gesundheitsarbeit.

Mit der Gründung des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission im Jahre 1906 – dem späteren Klinikträger – waren folgende Ziele verbunden: die Anliegen der Ärztlichen Mission in Deutschland bekannter zu machen und zu fördern, in Übersee arbeitende medizinische Fachkräfte zu unterstützen sowie Missionare und medizinisches Personal in der Tropenmedizin auszubilden.
Auf seine Initiative hin und mit seiner Unterstützung wurde im Jahr 1906 das DIFÄM – Deutsches Institut für Ärztliche Mission e.V. gegründet, auch heute noch Träger der Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus in Tübingen. Die wachsende Zahl kranker Tropenrückkehrer führte zur Gründung des „Tropengenesungsheims“, das 1916 auf der Eberhardshöhe in Tübingen eingeweiht und bald zur zentralen Einrichtung für Tropenmedizin wurde.

Als wir nach unserer Mitarbeit in der Moravian Church in Tansania zurückkehrten, genossen wir die fachkundige Arbeit dieser nun modernen Klinik. Erst jüngst hat sich das DIFÄM in der Ebola-Krise verdient gemacht. Und es bewährt sich, wie die jetzige Direktorin Dr. Gisela Schneider heute im Gottesdienst sagte, auch bei der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen. Sie trägt ein besonders markantes Beispiel vor, eine echte Sternstunde.

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s