Koran für Christen?

„Christen können von muslimischen Mitbürgern lernen“

 Gern höre ich im Deutschlandfunk die Sendung „Von Tag zu Tag“, in der über Religion in der Gesellschaft berichtet wird. Es geht heute in einem Interview mit Angelika Neuwirth wie häufig um den Islam.

Sie gehört zu den beliebtesten Interviewpartnern deutscher Journalisten, wenn es um den Koran geht. Professor Dr. Angelika Neuwirth ist Inhaberin des Lehrstuhls für Arabistik an der Freien Universität Berlin. Sie gilt seit Jahrzehnten als führende Koranforscherin in Deutschlands akademischer Welt. Seit knapp zehn Jahren verfolgt sie mit dem Projekt „Corpus Coranicum“ das umfangreiche Projekt einer Erschließung, Übersetzung und historisch-kritischen Auslegung des Korans. Die meisten gläubigen Muslime in Deutschland lehnen ihre Arbeit ab.

Sie sagt: „Was wir tun, ist die Wiederaufnahme einer hundert Jahre angehalten habenden aber inzwischen leider überhaupt nicht mehr praktizierten Lektüre. Nämlich zu fragen, wie eigentlich dieses Ereignis des Auftretens des Propheten Mohammed, das ja nicht nur mit einem Buch geendet hat, dem Koran, sondern auch mit einer Gemeinde, die sich alsbald auch qualifiziert hat als eine politisch mächtige Gemeinschaft, die im Stande war, die gesamte Landkarte des Nahen Ostens und darüber hinaus zu verändern. Uns geht es darum, wie ist zu erklären, dass aus diesem historischen Ereignis ein solcher Paradigmenwechsel erreicht werden konnte.“

Der Islam, das war von Beginn an eine komplexe Bewegung mit zahlreichen Denkschulen und politisch-gesellschaftlichen, ja militärischen Verflechtungen im „Denkraum Spätantike“, wie es Neuwirth ausdrückt.

„Ein ganz wichtiger Faktor ist natürlich dabei, dass es dieser Figur, die wir mit dem Propheten Mohammed identifizieren, gelungen ist, eine Gesellschaft, die weitgehend säkular war, um 180 Grad zu drehen zu einer Gesellschaft, die sich einer höheren Bestimmung bewusst war; die ihr Leben nicht als erfreuliche Frist des Genusses zu verstehen begann, sondern sich selber als ein Teil eines weltgeschichtlichen Ereignisses begriff.“

Man kann fragen, ob die vorislamische Kultur Arabien „säkular“ war. Wir würden gern mehr darüber wissen, wenn nicht Saudi-Arabien entsprechende Forschungen, etwa Archäologie auf eigenem Boden, verhindern würde.

Der Koran ist laut Neuwirth nicht historisches Zeugnis dieser Geschichte, sondern in erster Linie ein sakraler Text.

Man kann, ja muss den Koran mit den Mitteln moderner Literaturwissenschaft analysieren und dekonstruieren – um ihn dann als das, was er ist, wieder zu entdecken: als Gebetstext, als Hymnus. Und nicht als Gesetzbuch, das es 1:1 zu exekutieren gilt. So kann sich auch für christliche Leser und Zeitgenossen jener „Mehrwert“ neu erschließen, der laut Neuwirth in der islamischen Tradition schlummert.

Jetzt würde mich interessieren, worin dieser „Mehrwert“ entsteht. Was gibt es, was nicht schon im Christentum zu finden ist? Natürlich imponiert die auch öffentlich gelebte Frömmigkeit vieler Muslime. Heißt das aber, dass wir wieder pietistisch werden sollen? Sonntagspflicht wie früher? Enge Familienbindungen? Religiöse Kleiderordnung?

Sie sagt: „Wir könnten sehr von unseren muslimischen Mitbürgern lernen. Sie haben eine ganze Menge Werte noch zu Verfügung, die bei uns schon in Vergessenheit geraten sind. Und noch dazu haben sie diesen Zugang zum Sakralen: Sie können beispielsweise ohne rot zu werden sagen, dass sie zu ihrem Gebet gehen und dann wiederkommen. Das würden wir nur bei Mönchen als natürlich anerkennen.“

Da muss ich als Protestant protestieren. Unsere Werte mögen nicht so sichtbar sein, aber sie sind nicht nur in Kirchengemeinden lebendig.

Ich hörte diese Sendung, nachdem ich am Tag zuvor persönliche Informationen aus Nigeria über Boko Haram bekommen hatte. Gewalttätige Islamisten verbreiten Angst und Schrecken nicht nur in Europa und Asien, sondern auch in Afrika. Sie bekämpfen sogar den eigenen Islam. Wie würden sie wohl einen „Euro-Islam“ angreifen?

 

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